Intro 2: Wasserflugzeug

Thomas Meineckes Roman Hellblau im Remix von M.G. / Version 106

Meinecke zwischen Benjamin von Stuckrad-Barre und Florian Illies auf amazon.de, Rubrik: Pop-Literatur.
Meinecke zwischen Katja Huber und Franz Dobler beim Hausmusikfestival im Münchner orange house.
Meinecke zwischen Martin Walser und Isabel Allende im Suhrkamp-Katalog - Aktuelle Neuerscheinungen.
Meinecke zwischen. Meinecke "hinüber, hindurch, darüber hinaus" - Meinecke trans-: transraces, transgenders, transnationalities. Meinecke: transclasses - "Mittelklasse"? Meinecke zwischen den Orten. Meinecke in Mitte:
Flittchen-Abend in der Maria am Ostbahnhof, Berlin.

Live on Stage: Thomas Meinecke - Lesung aus seinem neuen Buch Hellblau. Dritter Roman nach The Church of John F. Kennedy und Tomboy, gesammelten Aufsätzen und Erzählungen, auf CD gebannten Music meets Poetry-Projekten und über zwanzig jähriger Arbeit im Bandformat bei FSK, früher: Freiwillige Selbstkontrolle, auch: Radio-DJ, Musikcompilator usw.

Merkwürdig anmutende Szene das. Sitz da doch einer, den es streng genommen gar nicht mehr geben sollte, eigentlich auch tatsächlich nicht gibt: Meinecke der "Autor" als sich selbst in Frage stellende Instanz. Der jeglichen Autonomie- und Originalitätsanspruch von sich weisende Anti- oder besser: Etwas-anderes-als-Autor sitzt am Podium und sagt: "Ich". Doch das Ich, das hier spricht, sind in Wirklichkeit viele. "Eine Population", wie "perverse Philosophen" dereinst zu sagen pflegten. "Ich als Text", wie es in einer alten FSK-Nummer hieß, "entfaltet" in mehrere Ichs im und als Texte. Genauer: Cordula, Tillmann, Yolanda - Sprechende in Hellblau, via diversester Tele-Kommunikationssysteme die Distanz zwischen den Orten überwindend, sich austauschend.

"Alter-Egos des Autors?", fragt eine Rezensentin. Wiedereinsetzung des autonomen Subjekts als Vielfachpersönlichkeit? Mögliche Gegenstrategie: Performative Durcharbeitung der diskursiven Gepflogenheiten, welche uns bedingen, und/oder darüber hinaus gehend: Repolitisierung durch Mikroprozesse. Handlung lenkt ab, programmatischer Titel einer Abhandlung Meineckes zur Zukunft, ist hier gleich: Gegenwart der Literatur. Stattdessen: Verselbständigung von Einzelheiten als wesentliche Form der Beschreibung. Frei nach Georg Lukács, zitiert in Hellblau. Sowie: Die Arbeit an und mit der Sprache und ein Bündel von Theoriekomplexen als Hauptstränge, welche das Buch durchdringen, und um die herum ein vielgestaltiges Geflecht aus narrativen Elementen gesponnen ist. Versuch einer Benennung selbiger Hauptstränge:

1. Die fatalen Parallelen zwischen Antisemitismus und Antifeminismus;
2. Die andauernde Kontinuität hegemonialer reichsdeutscher Politik;
3. Techno Politics zwischen musikalischer Immanenz, (sonisch-)fiktionalen Narrationen, partikularistischen/ segregatorischen Strategien und "realpolitischen" Verlinkungen.
4. Die Konstruktion ethnisch definierter Identitäten sowie auf diesen basierende Modelle von Cultural Politics und Studies. [4..1: Die kulturelle Ehe zwischenamerikanischen Juden und afrikanischen Amerikanern als auch deren Brüche und Scheidungen.]

Dazwischengeschalten - Knotengleich, Schnittstellenartig: Symbolträchtige Orte, mehrdeutig konnotierte Figuren, widersprüchlich determinierte Zeichen. Zentral dabei, bereits am Cover sich andeutend: der Atlantik, von der US-amerikanischen Ostküste sich gegen "alte Welten" hin erstreckend. Darüber, darunter, darauf: Black Star Liners und Motherships, NS-U-Boot-Staffeln und Lufthansa Deportation Class. Oder auch: Der Wiener Unterwasserjäger Hans Hass, Ende der 30er (!) in karibischen Gewässern dem "damned bloody jewfish"(sic!) auf den Versen. Der Judenfisch, Angehöriger der farbenprächtigen Familie der Groupers, welche während ihres langen Lebens das biologische Geschlecht vom Weiblichen zum Männlichen wechseln. Siehe auch: Otto Weiningers jüdischer Selbsthass als der weibliche Selbsthass misogyner jüdischer Männer.

Meinecke vernetzt, schließt kurz, übersetzt, setzt um, praktiziert: Häufig missverstehend, stets jedoch produktiv. In den Nebenrollen: Hedy Lamarr & Georg Antheil, Mariah Carey & Kelis, RuPaul & Leni Riefenstahls Kamera, Chicago & Bitburg, Slim Gaillard & Don Byron, chassidisches Judentum in den USA und das Jiddische als "Women`s German" (Bertha Pappenheim aka Anna O; vergl. auch Emma Eckstein als Opfer im homoerotischen Bund zwischen den beiden kranken Ärzten Freud und Fließ), der feministische Judaist Daniel Boyarin... Name-Dropping, Referenzen-Schauer, Information-Overload, Kollaps, Kapitulation.

Thomas Meinecke als Gott. Gott als Totgesagter - nach wie vor hartnäckig am Leben hängend. Desgleichen: Der Autor. [Postscript: Ronald Reagan im Zuge seiner Rede an den SS-graves of Bitburg: "I am an Afghan." (!)]

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