Intro 1: identität_macht_ausschlüsse
"Im ausgehenden 20. Jahrhundert gerieten [...] Aspekte amerikanischer Identität
unter konzentrierten und nachhaltigen Beschuss durch eine kleine, aber einflussreiche
Minderheit von Intellektuellen und Publizisten. Im Namen eines Multikulturalismus [...]
warben sie für subnationale kulturelle Identitäten und Gruppierungen. [...]
Die Multikulturalisten stellten ein [...] zentrales Element des amerikanischen Credos
in Frage, indem sie die Rechte von Individuen durch Rechte von Gruppen ersetzen, welche
im wesentlichen über Rasse, Ethnizität, Geschlechterzugehörigkeit und sexuelle Präferenz
definiert wurden. [...] Die Zukunft der USA und die Zukunft des Westens hängen davon ab,
dass die Amerikaner ihre Bindung an die westliche Kultur bekräftigen. Innenpolitisch
bedeutet das eine Absage an die konfliktstiftenden Sirenengesänge des Multikulturalismus."
Samuel P. Huntington in: Kampf der Kulturen;
"Es wird immer Identitätskonstruktionen geben und die dienen ja auch politischen Zwecken.
Es geht ja nicht nur um sexuelle Identität, sondern auch um nationale, "rassische" usw..
Wenn Schweinkram heute politisch betrieben wird, und es wird natürlich viel betrieben,
dann ganz überwiegend mit dieser Konstruktion "Identität", was im Endeffekt natürlich
immer ein Ausschlussmechanismus ist."
Thomas Meinecke im Diagonal-Interview mit T. Mießgang auf Ö1
contemporary dialogues on the left (oder: "immer diese widersprüche")
"Die postmoderne Identitätspolitik der partikularen (ethnischen, sexuellen und anderen) Life-Styles
passt perfekt zu einer entpolitisierten Idee der Gesellschaft, in der jede partikulare Gruppe
"etwas gilt" [...]. Diese immer wachsende Blüte von Gruppen und Untergruppen in ihren hybriden
und flüssigen, wechselnden Identitäten [...] ist nur möglich und denkbar vor dem Hintergrund der
kapitalistischen Globalisierung. Es ist genau die Art und Weise, in der die kapitalistische
Globalisierung unser Gefühl für ethnische und andere Formen der Gemeinschaftszugehörigkeit
affiziert: Die einzige Verbindlichkeit zwischen diesen multiplen Gruppen ist die Verbindlichkeit
des Kapitals selbst, immer bereit die spezifischen Forderungen jeder Gruppe und Untergruppe
zu befriedigen."
Slavoj Zizek in: Ein Plädoyer für die Intoleranz;
"Tatsache ist, dass das Modell der antagonistischen Differenz aus dem Vokabular des
Klassenkampfs übernommen ist - der großen Schlacht zwischen (weißem männlichen) Kapital
und (weißer männlicher) Arbeit. Projiziert man dieses Modell auf damit verwandte oder
assoziierte "andere" Kämpfe, so werden diese plötzlich zu einer Gefahr für die Solidarität.
Ich halte das für Unsinn. Was in bezug auf "Veränderungen" heute so verwirrend und
schwierig ist, ist nicht, dass Minderheiten herumlaufen und auf ihren partikularen Status
pochen, sondern [...] die Vervielfachung der Auseinadersetzungen - inklusive Antagonismen
und Allianzen [...]. Neu ist [...] die relative Legitimität, wonach ihre Ansprüche genauso
viel gelten sollten wie sogenannte majoritäre Themen. Deshalb würde ich sagen, dass unsere
gängigen Theorien der Veränderung und nicht die Minderheiten hier im Unrecht sind [...]."
Meaghan Morris in: "Es gibt keine Globalkultur". Interview mit C. Höller; (hier in: Widerstände);
"Allgemein kann man sagen, dass es drei Typen von Kämpfen gibt: die gegen Formen der
(ethnischen, sozialen und religiösen) Herrschaft; die gegen Formen der Ausbeutung, die das
Individuum von dem trennen, was es produziert; die gegen all das, was das Individuum an es
selbst fesselt und dadurch anderen unterwirft (Kämpfe gegen Subjektivierung, gegen Formen
von Subjektivität und Unterwerfung). [...] Heute wird der Kampf gegen die Formen der
Subjektivierung, gegen die Unterwerfung durch Subjektivität zunehmend wichtiger, auch wenn
die Kämpfe gegen Herrschaft und Ausbeutung nicht verschwunden sind, ganz im Gegenteil. [...]
Es ist klar, dass man die Subjektivierungsmechanismen nicht studieren kann ohne ihre
Beziehungen zu den Ausbeutungs- und Herrschaftsmechanismen zu berücksichtigen. Gleichwohl
stellen sie nicht bloß den Eckpunkt anderer, grundlegenderer Mechanismen dar, sondern
unterhalten komplexe und zirkuläre Beziehungen zu anderen Formen."
Michel Foucault in: Warum ich Macht untersuche: Die Frage des Subjekts;
"Die Frage wie denn die Forderung [...] auf [...] das Recht auf Differenz [...] angesichts
der faktischen Zwangsverhältnisse im Kapitalismus durchgesetzt werden soll, wird [...]
nicht beantwortet. [...] So bleiben von den postmodernen Intellektuellen die Ursachen der
Fremdbestimmung und der gesellschaftlichen Zwangsverhältnisse unbe- und angegriffen. Von der
rhetorischen Auflehnung der "Meisterdenker" gegen die Macht- und Zwangsverhältnisse bleibt
nichts mehr übrig als ein neuer Privatkult [...]. Durch die fraglose Hinnahme des
Entfremdungszustands stützt und befördert die Ideologie vom Ende der Ideologie die
Stabilisierung herrschaftskonformer Denkmuster."
Raimund Schöftner in: Postmoderne und Herrschaft [in: Unitat 3-4/2001];
"Die frühmarxistische Vorstellung des entfremdeten Subjekts beruhte auf einer sehr
reduktionistischen Auffassung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die alle sozialen,
politischen und kulturellen Phänomene auf ökonomische Prozesse reduzieren wollen.
VertreterInnen der Ansätze, die sich von diesem Ökonomismus distanzierten, ohne deswegen
mit dem marxistischen Denken zu brechen, eröffnen den Weg, nicht nur für ein neues
Politikverständnis, sondern zugleich für einen neuen erkenntnistheoretischen Zugang
zu den Sozialwissenschaften."
Martha Zapata Galindo in: Die Befreiung des Subjekts von seinem autonomen Wesen. Interview über die emanzipatorische Wirkung der "Dekonstruktion"; (in: Arranca! Nr.19);
"Und überhaupt hat nicht zuletzt NO Logo-Autorin Naomi Klein kürzlich darauf hingewiesen,
dass mit den Auseinandersetzungen um Gender und Sex zu Beginn der neunziger Jahre, so
notwendig sie gewesen sein mögen, doch zu sehr der Nebenwiderspruch bekämpft worden sei."
Klaus Smit in: Konkret 11/2001;
"Denn auch der linke Universalismus, der nicht nur gegen den Feminismus immer schon das
unsägliche Nebenwiderspruchs-Argument gebracht hat [...], mag es nicht, wenn Identitätspolitiken
ihm das Heft aus der Hand nehmen. Unterdrückung zeigt sich aber [...] in einem konkreten
kulturellen und politischen Medium, an dem jeder Widerstand [...] zwangsläufig ansetzen muss.
Für das weitere Schicksal der Bewegung ist dann auch ausschlaggebend, ob Modelle der Verknüpfung
oppositioneller Politiken und Praktiken zur Verfügung stehen."
Diedrich Diederichsen in: Politische Korrekturen;
"Die Identitätspolitik der Beherrschten ist immer auch eine Selbstermächtigungsstrategie unter
Bedingungen eines rassistisch stratifizierten Elends. Das heißt, wenn wir von den ethnischen
Minderheiten sprechen, dann haben wir klar vor Augen, dass sie Migrantinnen und Migranten unter
den Bedingungen eines rassistischen Regimes einen Schutz gewähren, der ihre Überlebensbedingungen
verbessert. Dieser Aspekt wird häufig unterschlagen, er ist aber wichtig."
Kanak Attak in: Subtropen/Jungle World 7/11/01;
"Der Diskurs radikaler Demokratie ist nicht länger der Diskurs des Universalen; die epistemologische
Nische, aus der "universale" Klassen oder Subjekte sprachen, wurde ausgemerzt und ist durch eine
Polyphonie der Stimmen ersetzt worden, von denen jede ihre eigene irreduzible diskursive Identität
konstruiert. Dieser Punkt ist entscheidend: es gibt keine radikale und plurale Demokratie ohne den
Verzicht auf den Diskurs des Universalen und seiner impliziten Behauptung eines privilegierten
Zugangspunktes zu "der Wahrheit", die nur von einer begrenzten Zahl von Subjekten
erreicht werden kann."
Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus;
"Jedenfalls kreuzt sich hier, wie so oft im postmodernen Denken, der Pluralismus auf eigentümliche
Weise mit dem Konzept der Selbstidentität. Um nur ja nicht einzelne Identitäten aufzulösen,
vervielfacht er sie. Pluralität setzt Identität voraus, wie Hybridisierung Artenreinheit voraussetzt. [...]
Hier muss man sich ins Gedächtnis zurückrufen, dass die heterogenste Kultur der Kapitalismus ist."
Terry Eagleton in: Was ist Kultur?
"Das aktuell [...] diskutierte autonome Subjekt dagegen scheint mir eben jenes [...] in die sogenannte
Eigenverantwortung entlassene, nunmehr rechte Subjekt zu sein, dessen Existenz die herrschenden
postfordistischen Verhältnisse, mit dem rasanten Abbau sämtlicher Sozialleistungen,
tagtäglich und lauthals einfordern."
Cordula in: Thomas Meinecke - Hellblau;
drucken 
part #2 »