"Dass ich mich nicht trauen würde, irgendetwas so ganz "fiktiv" anzusiedeln": Symbolträchtige Orte, mehrdeutig konnotierte Figuren, widersprüchlich determinierte Zeichen und "ein oberbayerisches Dorf"
F/M: Ich würde noch ganz gerne auf die Bedeutung von symbolträchtigen Orten, von mehrdeutig konnotierten Figuren, von widersprüchlich determinierten Zeichen eingehen, welche in deinen Romanen immer wieder auftauchen, und die häufig, wie ich finde, als eine Art Schnittstelle beziehungsweise als Knotenpunkte fungieren.
Also im Falle von "Tomboy" ist das ganz zentral dieses Heidelberg, mit der Universität zwischen Hegel und Judith Butler, Mark Twain usw., als US-Army-Stützpunkt in Europa, eingeklemmt zwischen Odenwald und der chemischen Industrie um die BASF-Werke, die beide wiederum in einem diskursiven Kontext mit einem bestimmten Bedeutungsgehalt "aufgeladen" wurden.
In "Hellblau" ist das jetzt ganz zentral der Atlantik, hatte ich den Eindruck, der irgendwie als ein Netzwerk fungiert, indem die ganzen Diskurse ineinander münden, oder sich verstricken, zum Teil auch ihren Ausgang nehmen. Daneben auch hier wieder bestimmte Orte: Berlin, Bitburg, Chicago, Ocracoke usw., sowie Figuren, wie beispielsweise dieser "wahrhaft genialische" - das muss ich jetzt sagen - ...
M: Hah-chrm, da muss ich mich jetzt räuspern: "genialisch"...
F/M: ..."damned bloody jewfish"...
M: Ach so, der ist natürlich wahrlich "genial"... Das ist ja der Wahnsinn...
F/M: Also, diese Figur ist ja dermaßen toll, vor allem natürlich, weil sich in ihr sämtliche Diskursstränge, die "Hellblau" so durchziehen, zu bündeln scheinen.
Vielleicht sollten wir ganz kurz einige Worte zu besagtem "Judenfisch" verlieren: Der Wiener Unterwasserjäger Hans Hass...
M: ..."Hass", Klammer auf - sic! - Klammer zu...
F/M: ist Ende der 30er Jahre in Karibischen Gewässern diesem "damned bloody jewfish" auf den Fersen und versucht ihn zu erlegen, wobei "damned bloody jewfish", wie Hass behauptet, der Name sei, von der die Bewohner der Region Gebrauch machen, um dieses Tier zu bezeichnen.
Gleichzeitig ist dieser "Juden-Fisch" ein Angehöriger der "farbenprächtigen Fischfamilie der Groupers", mit der es wiederum folgendes auf sich hat: Die ihr angehörigen Tiere wechseln "im Zuge ihres langen Lebens" ihr biologisches Geschlecht vom Weiblichen zum Männlichen. Und das nun wieder kurz geschlossen mit dem Otto Weininger-Diskurs, also dessen "jüdischer Selbsthass als der weibliche Selbsthass misogyner jüdischer Männer"... Und, ja, wo sich eben plötzlich alles in dieser tatsächlich "realen Figur" bündelt und kreuzt, was in dem Roman verhandelt wird.
Manchmal macht das dann schon den Eindruck, als würdest du den Roman wahnsinnig komplex - von der Architektur, vom ganzen Aufbau her betrachtet - anlegen und entwerfen. Ist dem so, oder ist das wirklich nur "Zufall"?
M: Ja das sind einfach Glücksmomente beim Schreiben, wenn es sich so fügt. Und zwar schon entlang einer fixen Idee, welche wahrscheinlich so ein Roman braucht, und die in dem Fall wirklich einen Ausgang fand, in dem, was bei meinem letzten Buch schon, sozusagen, unklar blieb: Inwiefern ist eigentlich Misogynie und Antisemitismus so verdammt ähnlich strukturiert? Und warum wird das auch von den selben Subjekten sozusagen betrieben?
Dann so Stellen zu finden, in denen sich das so symbolisiert wie in diesem "Juden-Fisch"...
Ich hatte erst mal nur... Also das ist tatsächlich nicht ausgedacht, sondern das kam so wunderbar. Aber es gibt so viele Dinge, die bei der Arbeit an dem Buch "zufällig" passiert sind, also, wenn ich da immer noch dran schreiben würde, hätte ich ja unglaublich viel Stoff bezüglich dessen, was mit Mariah Carey passiert ist, die ja wirklich jetzt, sozusagen dauernd in geschlossenen Anstalten sitzt, und sagt, sie will nicht mehr weiter leben und so. Und ich hab am Anfang also noch eher das Gefühl gehabt, ich rühr da in was ganz komischem, indem man überhaupt die ganze Problematik der blonden Afroamerikanerin sozusagen an ihrem Fall festmacht.
Also, da schreiben sich die ganze Zeit so Sachen fort, und in dem Fall war es so: Ich fand wirklich auf dem Flohmarkt das Buch von Hans Hass, seine Memoiren als Unterwasserjäger und -filmer. Und da war eben dieses Kapitel drin, wo ausgerechnet während des sogenannten "Ausbruchs" des zweiten Weltkriegs Hans Hass den "Juden-Fisch" in der Karibik jagt. Und dieser Text ist auf so vielen verschiedenen Ebenen rassistisch. Zuerst mal auch die ganze koloniale Haltung dessen, der da in der Karibik rumtaucht, sich erst mal der Vorwürfe der Spionage erwehren muss, und dann aber in einer Front mit den "Eingeborenen" den "Juden-Fisch" jagt. Und ja, das war mir schon an der Stelle, an der ich das dann in meinem Buch verwendet hatte - und das war wirklich die, an der ich das Buch auf dem Flohmarkt gefunden, und das dann auch gelesen hatte - genug.
Dass ich dann später, als ich dann wieder in den USA auf dieser Insel Ocracoke war, auf der ich auch vier, fünfmal gewesen bin, wieder auf diesen "Juden-Fisch" stieß, war tatsächlich Zufall. Wir hatten da einen anderen Fisch - den Amber Jack, der ja auch in Hellblau auftaucht - gegessen. Und ich las dann in einem Buch, dass der eigentlich hochgiftig ist, und dass man eigentlich sterben müsste. Und dann hab ich gleichzeitig in diesem Buch weiter rumgeblättert - in Erwartung meiner Übelkeit, und ob ich jetzt sozusagen ins Krankenhaus gehen müsste -, und da war dann aber gar nichts. Die Leute auf Ocracoke essen die ganze Zeit Amber Jack. Aber in diesem Buch über "Atlantic Fishes", welches ich mir in Ocracoke gekauft habe, war der sozusagen als lebensgefährlich beschrieben: "Bloß nicht verzehren!" Und beim rumblättern stieß ich dann zufällig auf die Familie der Groupers - vielleicht gehörte sogar auch der Amber Jack dazu, weiß ich jetzt gar nicht mehr. Aber jedenfalls stoße ich dann wieder auf den Jewfish, und sehe, dass diese Groupers - sozusagen in innerer Erwartung meiner Übelkeit, Michaela (Melián) hatte sich bereits den Finger in den Hals gesteckt, und wir haben wirklich gedacht: Jetzt ist gleich unser Leben zu Ende - das Geschlecht wechseln. Und das passte sozusagen. Das kam dann an der Stelle, wo mir das klar war auch wieder rein. Also, das ist wirklich eher so... Das erlaub ich mir dann sozusagen auch nicht, dass ich diesen Grouper-Befund dann fünfzig Seiten nach vorne transportiere, und direkt zu Hans Hass stelle, sondern das kommt dann eben, wenn es kommt.
Und so gibt es viele, viele Gegenstände, die sich so in dem Buch die ganze Zeit wiedermeldeten. Das war sehr reizvoll, und das macht eigentlich Spaß: Morgens irgendwie den Labtop anmachen, die Zeitung lesen, und dann ist schon wieder etwas über Mariah Carey oder Brigitte Bardot drin, die ja auch in dem Buch vorkommt. Nun nicht gerade als "besonders intelligente Person", wie jetzt andere, beispielsweise Hedy Lamarr oder Mae West, sondern eher so als "Dummchen" quasi, die aber ihre komischen Perücken-Aktionen, und ihre verklebten brünetten Haare unter den blonden Aufbauten da beschreibt, was ich super-gut brauchen konnte. Und dann tauchte die plötzlich immer auf, und machte sich gegen Delphin-Projekte stark, die an genau der Küste abgehalten wurden, an der meine Figuren sitzen. Also, ich würde mir da nie was ausdenken, und würde das dann auch nie verschieben, sondern das kommt da rein, wo es kommt.
Und die Orte - da hab ich eher in so einem ganz altmodischen Sinne das Gefühl, ich muss sie kennen. Also, ich habe über keinen Ort geschrieben, den ich nicht persönlich kenne und darum ist auch das Buch, zum Beispiel am Schluss nicht an (Hubert) Fichtes Grab selbst, sondern in einer Bewegung darauf zu, weil ich das Grab nicht gefunden habe: Ich habe auf den falschen Friedhöfen in Hamburg gesucht. Es gibt da nämlich so zwei sehr große Friedhöfe, und da liegt er nicht. Und erst als ich wieder zu Hause war, hab ich erfahren, er liegt auf einem kleinen Friedhof oberhalb der Elbe. Und da musste ich quasi den Roman in dieser Annäherung auf das Grab zu enden lassen. Wobei das eben gar nicht der Gedanke gewesen war, das Buch so enden zu lassen, sondern das Buch war dann einfach zu Ende.
Und auch diese Gegend zwischen Mannheim und Heidelberg, dieses Edingen, wo diese Vivian Atkinson aus "Tomboy" sitzt, ist genau der Ort, in dem ich im Alter zwischen drei und elf tatsächlich gelebt habe. Wir sind mit meinen Eltern durch den Odenwald spaziert. Da sind wir also doch jetzt wieder bei diesen ganz direkten, persönlichen Dingen: Mein Vater war Chemiker bei der BASF. Daher kenne ich das auch. Dass es mir dann als Ort für diese Geschichte so wahnsinnig gut passte, ist natürlich klasse. Dass man sozusagen vielleicht Orte, die man kennt, sozusagen verwendet, um bestimmte Geschichten an ihnen auch festmachen zu können. Das weiß ich auch nicht, was das bei mir ist. Es scheint nur ein relativ altmodisches, vielleicht erzählerisches Element zu sein: Dann doch all dieses super-, wie in einer Schneekugel rumflirrende Material irgendwo zu erden.
Und wenn dann im Odenwald dann auch noch so eine Stelle wirklich "Judenwald" heißt, dann hab ich da sozusagen den "lesbischen Phallus", den ich auch gefunden hatte, bei Butler glaub ich, praktisch wirklich mit zwei Figuren im Judenwald "ausprobiert". Was ich im übrigen einen inkonsequenten Punkt in "Tomboy" finde. Wie du sagst: "Selbst wo Sex wirklich statt findet...", find ich sozusagen auch inkonsequent, dass da Sex wirklich stattfindet. Das hat mich hinterher ein bisschen geärgert. Das war eigentlich schon falsch. Eigentlich hätte es reichen müssen, dass die das lesen.
Aber davon ganz abgesehen: Die Orte muss ich, wie gesagt, irgendwie kennen. Dann hab ich das Gefühl, dass man das, was man irgendwie erzählen will, an denen gut verankern kann. Aber mal sehen, was passiert. Also, ich hab Chicago ja schon auftauchen lassen, und gesehen, was da alles zu erzählen wäre, inklusive House-Music, in Klammer: Schwule Subkulturen, HipHop usw.. Was auch dort wieder - und das hab ich nicht vorher gewusst - festmachbar wäre. Und Bitburg hab ich einfach gebraucht, weil es da eben um diese Art, wie jetzt in Deutschland "Geschichte" neu geschrieben wird, geht. Und zwar schon vor der sogenannten "Wiedervereinigung". Was ich jetzt eben als besonders unangenehm empfinde, wie in Deutschland sozusagen Geschichte in exkulpierender Form, praktisch "Nationalgeschichte", geschrieben wird. Und da hab ich mir dann daraufhin - als ich mir das vorgenommen hatte - Bitburg ganz bewusst mal angesehen. Auch da bin ich dann ganz bewusst mal hingefahren. Darum kommen auch diese ganzen komischen Rundfahrten und Straßennamen vor. Ich hab mir das alles angeschaut, und da gab es halt diese direkt danach aufgeschriebene Rundfahrt durch den Ort. Jetzt wüsste ich schon gar nicht mehr genau, wie diese Strassen alle heißen und so.
Aber es ist in jedem Fall ein merkwürdiges, altmodisches, vielleicht sogar traditionelles Element, glaub ich, dass diese Orte so komisch "real" sind. Ich weiß da auch nicht genau: Hat vielleicht wieder mit dem, was zu tun - was eben auch immer ist -, dass ich dann schon auch das Gefühl habe, auf eine bestimmte Weise von mir dann doch was zu erzählen. Dass ich mich nicht trauen würde, irgendetwas so ganz "fiktiv" anzusiedeln.
F/S: Weil wir jetzt so schön bei den Orten sind: Das "oberbayerische Dorf" taucht im Suhrkamp-Pressetext auf, an sehr prominenter Stelle im Feuilleton - und zwar immer wieder, es ist meistens der erst Satz, mit der eine Kritik deiner Texte eingeleitet wird - und natürlich auch relativ prominent in den Klappentexten. Was hat es damit auf sich?
M: Stimmt. Na, es ist vielleicht... Weiß ich auch nicht. Ich hab ja bis vor sieben Jahren in München gelebt. Dann würde man vermutlich geschrieben haben: "Lebt in München...". Aber wenn man jetzt schreibt, in diesem Fall wäre es "Berg bei Eurasburg", es gibt nämlich noch ein größeres "Berg am Starnberger See", dann finde ich, wäre das schon wieder so wahnsinnig explizit. Als wenn ich wollen würde, dass da alle mal zu mir kommen. Und auf der anderen Seite, wenn man schreiben würde "Berg" - und es gibt eben mehrere Bergs - dann würde man denken, ich sei ein Bonze, der am Starnberger See lebt, weil Berg ist ein reines Villen-Ding, das gar nichts mit meinem kleinen Berg - mein Berg hat nur hundert Einwohner - zu tun hat. Und dieses andere Berg hat wirklich nur Industrielle. Und Seegrundstücke. Na gut, eine tolle Sache ist da "kulturpolitisch" passiert: Der König Ludwig ging da ins Wasser. Und der ist ja durchaus sozusagen auch ein paar Wälzer wert, dieser Mensch. Und auch irgendwie gut. Oder: Es spricht auch für Bayern, dass sozusagen Bayern "der Staat" ist, indem sowohl die Räterepublik außerhalb Barcelonas einmal ausprobiert wurde, im Sinne eines anarchistischen Modells, als auch diese komischen beiden "Mad Kings" sozusagen verehrt wurden. Und das find ich schon ziemlich interessant an Bayern: Als widersprüchliches Land. Aber ich bin da richtig gerne. Ich bin eigentlich ja Hamburger, aber ich würde jetzt nicht sagen wollen: "Lebt in Berg." Weil dann eben alle denken würden, dass ich dort lebe, und das wäre mir irgendwie wirklich unangenehm. Da würden die Leute dann denken, ich hätte zehnmal so viel Geld, wie ich hab.
Und deshalb eben: "Ein oberbayerisches Dorf".
F/S: Aber das hat keine weitere Aussage, im Sinne einer anti-urbanistischen Aussage beispielsweise, die sagt: Ich lebe jetzt in einem ländlichen Umfeld und so?
M: Nein, nein. Es war einfach billiger als München. München ist ja eine sehr teure Stadt, die Mieten da sind nicht bezahlbar. [...]
Aber ja, das ist komisch. Vielleicht sollte ich es mal rausnehmen: "Lebt in Oberbayern" wäre vielleicht besser. Andererseits find ich es auch ganz nett, nicht in München zu sein.
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