"So dass quasi die Charaktere wirklich durch das entstehen, was sie lesen und was für Platten sie hören": Er/Sie/Es & "Ich (als Text)" - Figuren entwerfen, oder: "Insofern sind mir auch alle Figuren relativ sympathisch..."

F/M: Einer der markantesten Unterschiede zwischen "Tomboy" und "Hellblau" ist ja im Umstand auszumachen, dass in deinem neuen Roman plötzlich in der ersten Person geschrieben wird. Also, es gibt da jetzt ein "Ich", das spricht, wobei es in Wirklichkeit dann viele verschiedene "Ichs" sind, die dann auch ganz unterschiedliche Positionen und Backgrounds in die Geschichte einbringen. Also, jetzt nicht unbedingt so geschlossene, in sich konsistente Charaktere... Aber na ja, eine Rezensentin deines Romans hat in diesem Zusammenhang jedenfalls einmal gemeint, Yolanda, Tillmann und Cordula, also die ProtagonistInnen in "Hellblau", seien "Alter-Egos" von dir, wobei mir diese Formulierung "Alter-Egos des Autors" irgendwie überhaupt nicht zutreffend zu sein schien.

Sind diese Figuren jetzt alle solche "Ichs", die du unter deinem eigenen subsumieren könntest beziehungsweise möchtest, so dass das ganze dann wieder einen "festen Körper", ein in sich abgeschlossenes "Autoren-Subjekt" ergeben würde, oder sind das zum Teil schon auch Positionen, die dir auch bis zu einem bestimmten Grad fern liegen, welche von ganz draußen irgendwo rein kommen, und die für sich genommen vielleicht auch irgendwie ein Eigenleben entwickeln, oder so etwas ähnliches?

Diese Frage zielt dann natürlich auch darauf ab, wie die Charaktere in deinen Romanen zu dem werden, was sie schließlich "sind": Also werden die vorweg quasi am Reißbrett entworfen, oder werden die erst mit der Zeit, im Zuge des Schreibprozesses dazu?

M: Also, ja, das Eigenleben entwickeln sie erst im Laufe der Zeit. Ich hab ja eben vorher gerade nicht so einen Plan, dass ich mir im vorhinein überlegt hätte, was da dann raus kommt.
Anders, als wenn man in der dritten Person schreibt, wo man das ja die ganze Zeit über machen muss übrigens: Zu sagen, welche Haarfarbe, welches Alter, wo der oder die her ist usw.. Diesmal hingegen hab ich sozusagen versucht, das möglichst noch viel geringer zu halten, und nach 150 bis 200 Seiten vielleicht erstmals wirklich zu überlegen: Was sind das eigentlich für Figuren. Das ist sehr rudimentär, diesmal. Also, es ist wirklich so klar: Die kennen sich irgendwie. Aber da hat ich auch schon 150 Seiten geschrieben gehabt, als ich mir gedacht habe: "Ach ja, dann kann vielleicht Cordula ja...". Dinge übrigens, die mir eigentlich ja ganz fern liegen, die mich manchmal sogar ganz wahnsinnig machen, wenn andere Literaturkritiken dauernd so etwas beschreiben. Wer wen woher kennt, mit wem ins Bett geht, wen Tod schießt oder verlässt. Das ist mir eben so wahnsinnig unwichtig. Insofern hab ich das so niedrig gehalten - und das geht bei der ersten Person leichter, als bei der dritten -, dass ich wirklich irgendwie in einer Art Inventur irgendwann mal gemerkt habe: "Ah, dann ist diese Figur wahrscheinlich so und so alt, und die könnten sich aus Bitburg kennen, oder so." Ich hab das ganz, ganz niedrig gehalten, so dass quasi die Charaktere wirklich durch das entstehen, was sie lesen und was für Platten sie hören.
Und dass das natürlich die Platten sind, die auch ich höre, und die Bücher, die ich auch gelesen habe, macht natürlich das, was die Leute denken, zu Teilen meiner Gedankenwelt. Aber nicht "Alter-Ego", um Gottes Willen, das klingt, find ich auch, ganz entsetzlich. Im Sinne von irgendwie schon wieder so einer Künstler-Konstruktion. Eher vielleicht als "Effekt".

Aber natürlich, klar, ich hab mir nicht überlegt: Was gibt es denn jetzt für eine Arschloch-Position? Was würde denn jetzt... Jetzt fällt mir natürlich niemand ein. Irgendein Arschloch eben. Was würde denn jetzt ein Heinz Rudolf Kunze dazu sagen? Und dann mal dessen Position mir so ausdenken und zurecht biegen, und möglichst vielleicht auch noch in die Sprache eines anderen Denkens setzen. Das findet bei mir wirklich nicht statt. Insofern sind mir alle Figuren auch relativ sympathisch, quasi. Die reden alle so wie ich jetzt mit euch rede. Natürlich sind das teilweise importierte Positionen, klar, vielleicht auch aus wiederum noch anderen Quellen. Aber schon auch wieder welche im Endeffekt - von daher stimmt das dann vielleicht doch: Die haben alle was mit mir zu tun -, die mir irgendwie nahe liegen, die mich auch interessieren.

Ich hätte mir jetzt auch noch was ausdenken können, was ich völlig irrelevant fände: Irgendeinen Acid-Jazz-Diskurs da noch rein buttern, oder irgendetwas, das mich gar nicht interessiert... Keine Ahnung. Mir fällt jetzt auch gar nichts ein, was mich nicht interessieren würde. Von daher interessiert mich dann schon auch fast alles. Aber, die sind natürlich..., klar, diese Figuren sind natürlich durch mein Bewusstsein hindurch so entstanden. Ganz klar, also ich hab mir nie irgendwie jetzt wirklich auf der anderen Seite jetzt jemanden ausgedacht, der möglichst diametral entgegen gesetzt ist, zu dem, was eine andere Figur repräsentiert. Die wollen eigentlich alle etwas ganz ähnliches. Mit diversen Umbetonungen, die durch so Orte auch zum Beispiel bedingt sind, wie zum Beispiel Berlin. Wo dann so auch dieser Diskurs näher liegt, über dieses Subjekt zu reden, als jetzt an der Küste des Atlantik. Oder zum Beispiel dieser ganze urbanistische Komplex, den gibt es dann wiederum in Chicago. Bei der Figur, die dort sitzt, wo dann die Architektur sozusagen ganz stark reinkommt. Ganz klar, aber auch eigentlich nicht in dem Sinne, dass ich mir das vorher so hingebogen hätte.

F/M: In diesem Zusammenhang muss ich gestehen, vor einigen Tagen ein recht "erschreckendes Erlebnis" gehabt zu haben. Und zwar war dieses mit dem Titel "U-Boot- Ausschnitt" versehen, und es handelte sich dabei um eine Kurzgeschichte, also ein "Kleinformat" aus deiner Feder, welches in Jochen Bonz` Reader "Sound Signatures. Pop-Splitter" (7) abgedruckt ist. Auch hier gibt es nämlich ein sprechendes "Ich", wobei ich mir nach drei Seiten Lektüre dachte: "Thomas Meinecke ist "Ich", aber es kann sich da wohl nur um einen Verwirrungsstrategie handeln...". Nach fünf Seiten war dann allerdings definitiv klar, dass dieses "Ich", das da jetzt spricht, das ist tatsächlich Thomas Meinecke.

M: Und das war erschreckend?

F/M: Das war schon erschreckend, ja...

M: Aber inwiefern eigentlich? Das würde mich jetzt mal interessieren.

F/M: Da ich vermute, dass da jetzt wiedereinmal größere Themenkomplexe angeschnitten werden müssten, versuch ich das jetzt einfach mal an einem Beispiel zu erläutern: Vor nicht all zu langer Zeit hatte ich mit einem anderen Aktivisten aus unserem kleinen Zirkel hier eine Diskussion bezüglich des Themas Sex im Kontext von "Tomboy". Ich hatte da nämlich immer den Eindruck, dass die einzelnen Charaktere da drin zwar eine Art "Eigenleben" führen, zugleich aber ständig in einem "Sprechen über das Sprechen über..." gefangen bleiben. Wenn also beispielsweise das Thema "Sex" verhandelt wird, ist das kein "Sprechen über Sex", sondern es ist ein "Sprechen über das Sprechen über Sex". Diesem Umstand ist es dann auch geschuldet, dass ich selbst in den vermeintlich intimsten Szenen, also beispielsweise dort, wo "wirklich" ein Sexualakt vollzogen wird, nie den Eindruck hatte, in irgendeinen "Intimsphäre" vorzustoßen. Weil da halt auch niemals "something real" verhandelt wird.

In "U-Boot-Ausschnitt" hingegen hab ich es plötzlich mit einer konkreten Person zu tun, weshalb irgendwie vieles von dieser Abstraktheit verloren geht, welche eben in "Tomboy" meines Erachtens eine Betonung des analytischen Aspekts gesellschaftliche Diskurspraktiken betreffend bedingt. Wenn in besagter Kurzgeschichte dann beispielweise zu lesen steht: "Meine Frau fuhr mir durch die Haare", oder etwas in der Art, dann hab ich es plötzlich nicht mehr mit einem "literarischen Konstrukt", einem "Ich als Text" zu tun, sondern mit einer "real existierenden Person". Ich vermute, das hängt zum Teil auch mit so einem "Authentizitäts-Diskurs" zusammen.

M: Ja, ich verstehe. Ich würde auch nie ein Buch so schreiben wollen, und der Text ist auch wirklich auf eine ganz merkwürdige Art und Weise entstanden. Ich war - und das ist im Text andererseits ja auch verhandelt - zu einem Literatutwettbewerb eingeladen, und sollte eine halbe Stunde lang einen Text vorlesen. Und ich bin ja relativ... Ich meine, ich mach sonst nie literarische Texte dieser Art. Und das ist praktisch wirklich eine Art von "Soundcheck" gewesen, den ich sozusagen für diesen Wettbewerb hergestellt habe. Und der war eigentlich nie zur Veröffentlichung gedacht. Dann gab es allerdings dieses Buch von Jochen Bonz, und er kannte diesen Text irgendwie und hatte das Gefühl, das wäre was für seinen Reader. Und eigentlich ist das eben tatsächlich ein Text, wie ich ihn sonst nie schreiben würde. Da war praktisch wie so eine Art Einblick in die Art und Weise, wie ich schreibe. Aber in ganz lapidare Sachen. Und es stimmt schon, was du beschreibst: Dieses Element ist eigentlich ansonsten bei mir nie drin. Schon klar. Und es ist auch wirklich kein Text, den ich in mein eigenes Buch, oder wenn es so was gäbe, wie dieses "Mit der Kirche ums Dorf", aufnehmen würde. Find ich total uninteressant, von daher war das eigentlich nur als Erörterung dazu gemeint, wie ich da überhaupt so schreibe, wie diese ganzen Issues zusammenkommen. Ich hab mir sozusagen gedacht: "Scheiße, jetzt muss ich so einen Text machen für die", und bin dann tatsächlich - und insofern ist es ein Text über das Texteschreiben schon auch wieder - zu dieser Tankstelle gefahren, hab mir drei Frauenzeitschriften gekauft, die durchgeblättert, und als Abfallprodukt dazu diesen Text hergestellt, der nicht besonders toll ist, find ich. Und dass da dieses "Ich" so rein kommt, ist natürlich irgendwie... Stimmt, irgendwie sehr ungewöhnlich, und auch überhaupt nicht in meinem Interesse bei mir sonst. Das stimmt schon, wobei trotzdem auf der anderen Seite die anderen Figuren, die ganzen Romanfiguren, egal ob sie jetzt männlich oder weiblich sind, im Grunde alle irgendwas auch von sich erzählen, was im Endeffekt irgendwie... Auf jeden Fall nicht ausgedacht ist. Also, irgendwie auch mich betrifft, mich betraf, oder was ich vielleicht auch irgendwo gefunden hab. Aber auf keinen Fall so hingebogen und konstruiert, wie es mir vielleicht im Sinne einer Idee gut passen könnte. Also, das tu ich dann ja auch nicht. Ich nehme sowieso nur das - wenn es mir nicht so passt, würde ich mir nie was anderes ausdenken -, was quasi auf der Ebene, die du vorhin sozusagen angedeutet hast, auch funktionieren täte. Auch wenn es aus meinem direkten Erlebnishorizont reingeholt wurde.

Aber stimmt schon, ja, das ist jetzt kein Text, der in dem Sinne irgendwas transportieren würde, was ich in meinen Büchern sonst erzählen wollen täte. Der mir aber auch klar macht, dass ich sowieso kein Interesse mehr habe, an solchen kürzeren Texten. Weshalb ich auch immer, wenn irgendwelche Zeitschriften fragen: "Mach doch kurz mal irgendwas für mich. So drei, vier Seiten oder so." wo ich dann einfach sage: "Ne, ich tu alles, was mir überhaupt einfällt, in meine jeweiligen Bücher rein." Aber trotzdem ist es natürlich ganz nah an meiner Person irgendwie schon dran. Sonst wären, glaub ich, die Bücher vielleicht auch "kälter". Also, mich interessiert es schon, nicht nur im "interessantistischen Sinne", was da verhandelt wird, sondern ich hab das Gefühl, es betrifft uns alle auch, quasi. Auch direkt. Auch bei "Tomboy": Das ist jetzt nicht einfach mal so "ganz interessant", mal "eiskalt durchzuspielen", sondern das betrifft alle direkt, sozusagen. Und nur dann interessiert es mich. Insofern schon auch nur, wenn es etwas mit meinem Leben zu tun hat. Aber im Falle dieses Textes ist es tatsächlich so "nach Wolfratshausen runter fahren...". "Fährt mir durch die Haare" ist sowieso scheiße. Das hab ich mir schon öfter gedacht: Das ist ein richtig blöder Kunstgriff, um quasi in irgendeine erzählte Passage - "Irgendwie erzählte er und zog an seiner Pfeife..." und so -, so was ist sowieso eigentlich nicht zulässig. Außer, wenn es sozusagen, wie du sagst, auf was hindeutet, wie eben sonst über so etwas geredet wird.

Aber "traumatisch", oder "Schock-Erlebnis"...

F/M: Na ja, das war vielleicht ein wenig überzogen dargestellt...

M: Da bin ich ja beruhigt.
(7) Meinecke, Thomas - U-Boot-Ausschnitt; in: Bonz, Jochen (Hrsg.) - Sound Signatures. Pop-Splitter; Frankfurt a.M. 2001; S. 141 ff
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