"Also, ich bin wirklich daran interessiert, Leseprozesse zu verschriftlichen, praktisch": Weniger Kampf als vielmehr Arbeit - Schreibprozesse, oder: "Warum nicht immer wieder das selbe Buch ... schreiben, mit jeweils neuem, etwas erweitertem Instrumentarium?"
M: Und diese drei Romane sind auch nicht in dem Sinne so unterschiedlich. Klar ist es so, dass das erste um die "nationale Identität" ging, aber da wusste ich eben sozusagen - etwas übertrieben ausgedrückt - noch nichts von "sexueller", oder auch von dem Zusammenhang zwischen "sexueller" und sogenannter "ethnischer Identität". Und vor allen Dingen den Ausschlussverfahren, wie sie zusammenhängen. Da wusste ich einfach noch zu wenig. Da hab ich mich dann auch sozusagen hingearbeitet: Bei dem letzten Buch dann durch die Lektüre von Butler, ganz klar, auf diesen Komplex Feminismus hin. Und dann eigentlich glücklicherweise gemerkt, dass wenn ich jetzt über so was wie "ethnische Identität" schreiben würde, der Feminismus auf jeden Fall mit an Bord bleiben wird. Das fand ich sehr beruhigend, weil ich wollte eben nicht der sein, der jedes Mal wieder noch einen anderen Aspekt dieser Konstruktion "Identität" beleuchtet. Im Sinne auch von Kriege führen mit dieser Konstruktion, oder Grenzen zu machen, oder was auch immer. Sondern im Grunde genommen das selbe Buch immer wieder neu schreiben zu wollen.
Vor dem Hintergrund eines neu gewonnenen, oder auch beim Schreiben neu gewonnenen Bewusstseins. Noch mehr differenzieren können. Ich hab das Gefühl, das kann man jedesmal wieder neu probieren. Es geben einem einfach so Dinge wie der Input von Popkultur im weitesten Sinne, politischen Diskursen und so weiter wieder Feuer, es neu anzugehen, es noch mal zu versuchen. Und warum nicht immer wieder das selbe Buch quasi schreiben, mit jeweils neuem, etwas erweitertem Instrumentarium. Den Geist schulen, schärfen... Ich weiß so vieles eben gar nicht. Zum Beispiel diese Texte, die du vorhin genannt hast. Würde ich sozusagen sofort gern lesen wollen und von daher ist das eigentlich immer das selbe Buch.
Weil andere haben jetzt schon so gesagt: "Ah, eine Trilogie!" Also, in der FAZ steht "Er vollendet seine Trilogie...". Das fand ich zwar sehr rührend, und war auch auf Kupfer-Tiefdruck-Papier und so, aber von "Vollendung" kann keine Rede sein, und das fände ich auch ganz beunruhigend. Also, ich hab das Gefühl, es ist ein Struggle, ein Sich-Erarbeiten. Es ist anstrengend. Es ist ja auch anstrengend zu lesen für viele. Es war auch anstrengend zu schreiben, sozusagen. Mal schauen, wo das hinführt. Das ist alles schon sehr spannend.
Es gibt keinen richtigen Plan eigentlich. Von daher auch nicht den Plan, zu sagen: Jetzt dieses Thema, jetzt das und so. Beim Schreiben erst merken, glücklicherweise ist es ja immer das selbe Thema.
F/S: Wenn du von der Anstrengung beim Schreiben sprichst: Wie erfolgt dein Schreibprozess? Ist das so ein Kampf mit dir selbst?
M: Nein, Kampf kann man nicht sagen. Nein, es ist eigentlich so eine Art von "Arbeit". Also, ich lese Bücher, und kann das Schreiben nicht vom Lesen anderer Bücher trennen. Das wäre so, als ob man den Wasserhahn abdreht. Dann fließt nichts mehr, dann ist nichts mehr da. Also, ich hab jedenfalls keine Lust in mir selber rum zu suchen, nach irgendwelchen Kindheitstraumata, oder sonst irgendwelchen Geschichten, die ich sonst doch schon immer mal erzählen wollte. Oder, keine Ahnung, über Typen, die ich da kenne, oder so. Das interessiert mich nicht. Also, ich bin wirklich daran interessiert, Leseprozesse zu verschriftlichen, praktisch. Ich finde sozusagen das Reizvolle am Schreiben eigentlich, dass das strukturell möglichst eng zu führen ist mit dem, was Lesen für mich bedeutet. Also, von daher kein Kampf.
Es ist einfach Arbeit, aber eine die echt viel Spaß macht. Aber eben gar nicht so flüssig ist, weil da eben, wie gesagt, wieder so ein Schinken an Buch gleichzeitig gelesen werden will. Ich mag das eben nicht so, dass ich diese Bücher, welche da vorkommen bei mir, zuerst lesen würde, und dann zwischenablagere, in Form von Karteikarten oder an die Wand gepinten Plänen oder so. Sondern das ist direkt. Das Buch liegt da aufgeschlagen, und daneben ist mein Laptop. Und dann les ich wieder und dann schreib ich wieder was. Insofern ist von Kampf nicht die Rede, sondern eher so ein Flow, der allerdings nicht besonders schnell ist.
Also, zwei Jahre hab ich schon an so einem Text geschrieben. Andererseits tun das andere, die ganz anders arbeiten auch. Die feilen irgendwie herum, an der sogenannten "Schönheit ihrer Sprache" oder so. Tu ich natürlich im Endeffekt irgendwie auch. Ich hab ja auch den Anspruch, dass es sozusagen "schön" sein sollte. Aber die Schönheit besteht nicht in der sogenannten "schönen Formulierung", sondern auch in einer gewissen "Erhellung". Teilweise aber auch im Gegenteil von Erhellung, teilweise ist das auch ein riesen Gestöber. Also, es ist schon sehr protokollarisch irgendwie. Ich hab das Gefühl, ich schreibe im Grunde genommen Lesprozesse auf, die gar nicht linear, die eben, wie gesagt, sehr sprunghaft sind. Und da gibt es teilweise auch so unfreiwillige Sprünge, verursacht durch so Sachen, die reinschneien. Zum Beispiel so was wie Tagesaktualitäten und so weiter.
drucken 
part #9 « |
part #11 »