"Also, "durch mich" kommt es auf das Papier, aber "von mir"... da hab ich gar kein Interesse dafür": Autorenschaft, Copyright, Open Source - vom Zitat zum Sample zu..., oder: "Einfach ... als Tonkopf sozusagen, als Abtastsystem weiter dran ... bleiben ... - in der Rille ... bleiben quasi, und mal sehen, was passiert..."

F/S: Noch mal ausgehend von dem formalen Aspekt deiner Arbeit: "Sampeln" beziehungsweise "Herstellen von Textcompilations" sind ja vom Feuilleton gern gebrauchte Metaphern, um die formale Beschaffenheit deiner Texte zu beschreiben. In diesem Zusammenhang beziehungsweise zu diesem Zweck benutzt du natürlich Textbausteine, die der UrheberInnenschaft anderer AutorInnen zurechenbar sind.
Rekurrierend auf die Debatte, die momentan ganz stark läuft, nämlich die Urheberrechts- respektive Copyrightdebatte, die Frage: Was haltest du als Autor, als Betroffener von dieser Frage des Urheberrechts, mit dem Copyright? Und - ich weiß nicht, inwiefern du dich dafür interessiert hast: die Open-Source-Bewegung im Internet, die ja ganz stark an einem gemeinsamen Bauen von Software, von Denkansätzen usw. arbeitet - wie haltest du es damit?

M: Da hab ich eher eine Sympathie natürlich für das Open-Source-hafte Arbeiten, und ich würde mich natürlich ebenso wenig daran stören, wenn andere sozusagen mich zitieren würden, ohne mir irgendwelche Abgaben zu zahlen. So wie auch ich mich auch nicht darum kümmere "Sample-Clearance" zu machen. Also, ich hab bei mir ja nicht einmal An- und Abführungsstriche im Text, und weiß manchmal selber, wenn ich jetzt aus den Texten lese, gar nicht mehr, was "von mir ist" und was "von anderen". Ich hab das Gefühl, in dem Buch ist eh nichts "von mir", sondern alles ist "durch mich". Also, "durch mich" kommt es auf das Papier, aber "von mir"... Da hab ich gar kein Interesse dafür, und insofern hab ich auch nicht so sehr viel urheberrechtlichen Respekt vor dem, was ich da teilweise durchaus auch in größerem Masse importiere.
Aber es passiert mir immer wieder, und ich hab jetzt zum Beispiel direkten Kontakt zu diesem ("feministischen Judaisten") Daniel Boyarin bekommen, welcher ja in meinen letzten beiden Romanen dauernd zitiert wurde, und der sich plötzlich gemeldet hat, weil er "Hellblau" gelesen hatte. Und der war irgendwie ganz begeistert, und hat gemeint: "Hey, wenn du jetzt mich soviel unterkommen lässt, könnten wir nicht irgendwie mal versuchen, dieses "Unheroic Contact" bei Suhrkamp rauszubringen?" Also, so in dem Sinne: Man arbeitet sozusagen an einem gemeinsamen Issue sich auch ab, und es ist auch tatsächlich so, dass ich jetzt seit zwei Jahren versuche, eine deutschsprachige Übersetzung und Publikation auf die Beine zu stellen. Vielleicht ja wirklich im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp. Und zwischenzeitlich ist es mir auch gelungen, die beiden kurz zu schließen: Boyarin und den Jüdischen Verlag. Vielleicht kommt es ja sogar raus. Von dem aus zum Beispiel gab es überhaupt keine Fragen, im Sinne von: "Hast du mich hier beklaut?" Und ich hab ihm auch gleich zurückgeschrieben, also ohne diese Frage von ihm überhaupt gestellt bekommen zu haben: "Mein Buch hätte ich gar nicht schreiben können ohne deines." Es ist doch ganz klar: Es baut aufeinander auf. Ich hab nur das Gefühl, bei mir ist dann irgendwie Sackgasse, oder Endstation. Da gibt es irgendwie keine anderen, die da auf der Schiene noch weiter dran arbeiten, weil es tatsächlich in der Literatur anscheinend die meisten gar nicht interessiert. Ich bin da schon ziemlicher Außenseiter, mit meinem komischen Schreiben. Also, jedenfalls innerhalb der Belletristik. Ich hab eher dauernd was zu tun mit Theorieleuten: Also, Butler hat zum Beispiel auch meine Bücher gelesen, also speziell jetzt "Tomboy". "Hellblau" hat sie zwar jetzt, aber noch nicht gelesen, glaub ich. Dass ich automatisch eher mit solchen Leuten zusammenkomme, wo ich das Gefühl habe - also speziell jetzt bei Boyarin, und auch bei Butler - die "erzählen" natürlich auch. Ich sehe gar nicht ein, was diese scheiß Grenze eigentlich sein soll, zwischen Theorie und Belletristik. Zumal eben irgendwie Theorie in letzter Zeit oft sogar mehr Soul hatte, als sogenannte Belletristik. Und der Begriff des "Samplings" ist ein bisschen problematisch, weil es eben - wie du schon sagtest, oder andeutetest - so ist, dass die FeuilletonistInnen das ganz toll finden. Und es gibt jetzt keine Artikel mehr über mich, wo nicht vom DJ und vom Sampling die Rede ist. Und ich kann es leider gar nicht anders sagen, als dass ich das selbst auch mitaufgebracht habe. Also, ich hab selber ja immer davon geredet: Ja ist ja toll, wenn aus zwei Plattenspielern "ein Drittes" erklingt, das zwar sich sozusagen direkt zusammensetzt aus diesen beiden Quellen, das aber doch was anderes wieder ist. Kann ich auch nach wie vor vertreten. Als eine tolle Technik. Also, wo man was lernen kann. Als SchreibendeR auch. Aber es ist so wahnsinnig feuilletontauglich. Man muss es, glaub ich, mal anders rum schreiben. Also, auch mit dem Sample: Das Sample ist ja auch im Achim Szepanskischen Sinne jetzt wieder einmal auch gar nicht die Endstation. Also, es ist ja schon längst so, dass elektronische Musik, wie Szepanski sagt, sich völlig aus sich selbst raus generiert. Was ich ja wiederum nicht glaube. Was ich auch uninteressant fände, wenn es denn so wäre: Das könntest du dann als Duftöl verkaufen, quasi. Also, ich sehe da schon auch noch einen Techno-Track als ein Politikum an. Aber da hat er irgendwie ein Interesse, selbst das, glaub ich, irgendwie... Nicht im Sinne, dass das unpolitisch werden sollte, aber schon im Sinne von einem dann doch komischen Glauben an die "Autonomie der Musik", an die ich jetzt auch nicht so glaube. Also, ich bin ja gar nicht total der Meinung Achim Szepanskis, aber ich find das schon klasse, wenn verschiedene Leute, daran so rumpfriemeln, und sich Fragen stellen.

Jetzt weiß ich gar nicht mehr, wo ich her komme, argumentationstechnisch... Ach ja: Vom Sample. Das Sample selbst, find ich, ist im Grunde genommen auch schon etwas Altmodisches, 80iger-Jahre-Mässiges. Etwas, was so Leute wie ich, die so Nerds sind, die so in den 80igern und 90igern auch ganz stark noch auf so eine Art "Indi-KonsumentInnen-Verhalten" geeicht wurden. So dass man irgendwie auch so "Jungs-mässig" bescheid wissen wollte über Platten. Wie viele es denn von diesem oder jenem Act gibt, und so Querverbindungen zu anderen Platten herstellen wollte. Und das ist bei mir immer noch leider so. Gleichzeitig hat mich gerade Techno oder so ziemlich darauf gebracht, wie weniges eigentlich wichtig sein sollte, und damit auch Abschied nehmen lassen, von dieser Idee des Samples, im Sinne einer Wiedererkennbarkeit. Auch so Wisser-mässig. So: "Hey, is ja ganz klar, is Isaac Hayes oder so...". Sondern irgendwie das möglichst zu reduzieren. Insofern auch bei mir keine An- und Abführungsstriche bei den Zitaten. Das möglichst auch noch hinfällig werden zu lassen, wo es denn in dem Sinne herkommt. Und von daher eben sich auch wirklich auf das Repetitive, was da elektronische Formen der Musik, die auch das Sample als solches nicht mehr brauchen, einzulassen. Und von eben daher ist das Sample auch so ein letzter Fortsatz dieses Zitat-Pop-Denkens, mit dem ich groß geworden bin. Also, da entwickle ich mich auch irgendwo hin. Also, ich merk das so, wie ich innerhalb der letzten vier, fünf Jahre auch darüber ständig wieder anders zu denken gelernt habe. Aber das kann man auch nicht so einfach sich vornehmen. Das ist so sukzessive. Das sind alles so Prozesse, wo es auch scheißegal ist, ob ich jetzt ein autonomes Subjekt bin, und irgendetwas Tolles mir irgendwie künstlerisch vornehme, sondern, wo es einfach interessant ist, als Tonkopf sozusagen, als Abtastsystem weiter dran zu bleiben. In der Rille zu bleiben quasi, und mal sehen, was passiert. Also, da ist so viel los, find ich. Da gibt einem auch gerade die Musik immer wieder ständig neue Aufgaben vor, dass es auf jeden Fall nicht droht langweilig zu werden.

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