"Aber ich würde immer den Kurzschluss zurückweisen, das sei bereits eine Lösung...":
identity politics vers. entpolitisierte lifestyles; postfordismus vers. postmoderne;
[und was das alles mit r`n`b zu tun hat (oder auch nicht)]

F/M: In deinem neuen Roman "Hellblau" scheint es ja Cordula zu sein, die am weitesten in traditionelle linke Diskurse "hineinreicht". Diese in Berlin lokalisierte Protagonistin ist es dann auch, welche immer wieder ökonomisch determinierte Antagonismen ins Spiel bringt, und die auch Begriffe wie "den wachsenden Terror postfordistischer Ökonomie" (S. 288) in den Mund nimmt. Damit wird eine Figur (wieder-)eingeführt, welche in deinen vorangegangenen Arbeiten über weite Strecken draußen geblieben ist.
Was ich dabei sehr interessant fand, ist - um den Haken zurück zu einem unserer früheren Gesprächsthemen zu schlagen -, dass Cordula die "Wiedereinsetzung des autonomen Subjekts" - also die, ich sag jetzt einfach mal, "reaktionäre" Form dieser Wiedereinsetzung, welche so tut, als hätte es niemals einen Infragestellung dieser Instanz gegeben - mit den postfordistischen Verhältnissen in Verbindung bringt. Nämlich, wenn sie sagt:

"Das aktuell besonders in unserer Stadt diskutierte autonome Subjekt [...] scheint mir eben jenes sprichwörtlich flüssige, analoge, in die sogenannte Eigenverantwortung entlassene, nunmehr rechte Subjekt zu sein, dessen Existenz die herrschenden postfordistischen Verhältnisse, mit dem Abbau sämtlicher Sozialleistungen, tagtäglich und lauthals einfordern." (S. 114)

Wäre es möglich, diese Analyse zum Beispiel mit dem in popkulturellen Zusammenhängen gegenwärtig große Aufmerksamkeit genießenden Phänomen "R`n`B" querzulesen?
In diesem Feld sind ja zur Zeit ganz viele mehrfach minoritäre Personen - schwarze Frauen, um das klassische Beispiel zu nennen - sehr erfolgreich, und in vielen Fällen scheinen eben jene durchaus auch so einen autonomen Subjekt-Status einzunehmen.
Natürlich ist R`n`B ein weites Feld, und eine differenzierte Position zu diesem wäre sicherlich von Nöten. Aber betrachtet man beispielsweise KünstlerInnen oder Bands wie beispielsweise Destiny`s Child, die dann ja auch auf Wahlkampfveranstaltungen von George W. Bush spielten, so kann man sich häufig des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass man da schon auch eine neue Version des alten "amerikanischen Traums" aufgetischt bekommt: Es ist völlig irrelevant, ob du schwarz bist, Frau bist, ob du aus einer der unteren sozialen Schichten kommst, du kannst alles schaffen! Als solche "eigenverantwortliche Subjekte" erfüllen die dann natürlich auch eine ganz bestimmte, nicht eben als "emanzipatorisch" zu betrachtende, ideologische Funktion.

M: Ja also, bei Destiny`s Child ist es besonders kompliziert, glaub ich, weil es manchmal auch was gibt... Also, ich denk da zum Beispiel an den Fall Iggy Pop, der für Ronald Reagan war, und trotzdem damals, würde ich sagen, mit seiner Musik was "zum Wohle der Menschheit" beigetragen hat - im Gegensatz zu Ronald Reagan. Und auch Destiny`s Child, glaub ich, nicht so viel über ihre Musik wissen oder aussagen können, wie die Musik selbst sozusagen über Destiny`s Child weiß, sag ich jetzt mal etwas esoterisch. Also, ich glaube, dass man das jedenfalls nicht auf ´nen Widerspruch runterrechnen kann: Dass sie da beim Inauguration Ball oder so aufgetreten sind.
Andererseits ja, das andere hast du richtig rausgelesen. Das ist so mein Konflikt mit Diedrich Diederichsen, quasi. Da hab ich schon öfter mit ihm auch darüber geredet... Gerade vor vier Wochen haben wir wieder zusammen gesessen - das ist total verrückt, es gibt wirklich so ´ne Art "Podiumsproletariat", das so rumreist und immer wieder zusammensitzt... Und da saß ich neulich mit Diedrich wieder. Und zwar war das in Tutzing, am Starnberger See in der Evangelischen Akademie zum Thema "Popliteratur", und er war wieder der Meinung, dass die Konzepte, die zum Beispiel in R`n`B oder jetzt so in M-TV vertreten werden, also die Identitätsmodelle, welche da praktisch performt werden, in den Clips und so weiter, dass die sozusagen diejenigen wären, die "von staatlicher Seite", von der Herrschaftsseite aus praktisch "verhängt" worden seien, und die zu erfüllen sind. Also, er hat so das Gefühl: Da ist irgendwann mal so ein Bruch gewesen, und ab jetzt ist es nur noch so, dass praktisch Pop nur noch quasi "das Propagandarohr der Macht" ist.
Ich bin der Meinung, dass selbst sozusagen relativ wenig reflektierende Figuren, wie jetzt zum Beispiel Beyoncé Knowles von Destiny`s Child mehr leisten, als sie in solchen Interviews zu dem aussagen können, von wegen: "Ja, jedeR kann mal ins Weiße Haus kommen."

Dann fällt mir aber noch ein, zu dem, was du im Anlauf zu deiner Frage gesagt hattest: Das Problem, dass sozusagen "der Schuldige" darin gesehen wird, dass praktisch nicht mehr "politisch" gekämpft wird in "postmodernen Identitätskonzepten", ist, glaub ich, ein Missverständnis, das sich dadurch einstellt, dass immer wieder gedacht wird: Wenn analysiert wird, wie sehr all diese Dinge, diese Identitäten "Konstrukte" sind, dass damit sozusagen schon gleich die Lösung auf der Hand liegt. Dass man diese dann einfach über Bord werfen könne. Also im Falle geschlechtlicher Identitäten, dass es möglich wäre, am nächsten Tag sozusagen einfach als "das Gegenteil" aufzutreten, oder spielerisch das zu überwinden usw.. Das ist eine Stelle, die ich übrigens selbst bei Butler, die das ansatzweise manchmal so drin hat - als so ´ne Art "Licht am Ende des Tunnels" -, trotzdem nie wirklich so explizit gefunden habe. Und wenn man mit ihr darüber redet, streitet sie das auch ab, das jemals so gemeint zu haben.

Aber ich glaube, da kommt es rein - das "klassische linke Denken": Hier wird was verraten, weil es sozusagen nicht auf diesen Klassenwiderspruch bezogen werden kann, und nicht auf Kapitalismuskritik. Indem einfach gesagt wird: "Wenn wir denn wissen, warum wir so sind, wie wir sind, können wir`s einfach auch überwinden."
Und da spätestens kommt dann wieder der Postfordismus rein, der sozusagen sagt: "Nein, kannst du eben nicht!" Und dann wird es eben noch mal interessant, und dann kann man ja vielleicht doch mal wieder auf die Strasse finden, quasi. Aber ich glaub, da kommt wirklich dieses Missverständnis auf, dass die Leute denken, in der Analyse läge bereits die Lösung, indem man dann praktisch sagen könnte: "Ja, ach so ist das, ja dann komm ich eben morgen sozusagen im Tü-Tü." Also, das ist überhaupt nicht der Punkt, glaub ich. Da liegt - so zumindest meine Vermutung - die Ursache dieses ganzen Konflikts begraben.

F/M: Ja, das war auch genau der Punkt, welchen ich vorhin ansprechen wollte: Dass nämlich, wenn man (Zizek, Eagleton et al.) die sogenannten Identitätspolitiken als "entpolitisierte Lifestyles" bezeichnet, und die alsdann so in den Kontext "Kapitalismus" reinsetzt, dann kommt eben gerade das raus, also: "Ja heute bin ich schwul, und morgen wieder hetero and so on...". Als ob das wirklich so einfach, ein derartiges "Beliebigkeitsspiel" wäre. Als ob diese "dekonstruierten Identitäten" tatsächlich "Lifestyles" wären, die man einfach konsumieren kann.

M: Die einfach zur Verfügung stünden, konsumistisch quasi.

F/M: Die ich, wie hinzugefügt werden soll, bei Judith Butler auch überhaupt nie so gefunden habe.

M: Ne, aber ansatzweise gibt`s mal so was. Ich glaub sogar in "Gender Trouble", wo sie sozusagen so ein bisschen sehr romantisch, sag ich jetzt mal, leicht verklärend, von so was wie "drag" spricht. Und "drag", find ich, ist sozusagen auch ein Symptom, aber bestimmt nicht die Lösung. Das kann ja gar nicht sein, weil das ja speziell im Dichotomen verhaftet ist. Es zwar irgendwie überwinden kann, aber bestimmt nicht spielerisch. Schon gar nicht so im Sinne einer wirklichen Verfügbarkeit, sondern wenn dann oft eher auch tragisch. Also, mit Todesfolge, quasi.
Aber ja, ich find auch bei ihr so was nicht, aber die Leute denken, es ist so: Genau der selbe Vorwurf immer wieder, dem ich übrigens auch schon mal ausgesetzt war. Mein Interesse für marginalisierte, oder auch hybride Kulturen - ob das jetzt die Polka in Texas ist, oder House-Music in der South-Side von Chicago -, das sei sozusagen auch schon von daher verdächtig, weil es praktisch auch so täte, als sei das sozusagen ein Angebot. Als sei das sozusagen eine "bunte Show", wo man sich einfach bedienen bräuchte, und toll finden würde, wie das alles so "hybrid" ist und so weiter. Das gibt`s ja auch in "Konkret" oder so was in der Richtung. Und das, find ich, verkennt dieselbe Tatsache. Nämlich, dass das eben überhaupt kein Spaß ist, der dort sozusagen betrieben wird.
Klar ist es für KulturwissenschaftlerInnen ein El Dorado, sich darin quasi umzutun. Oder überhaupt: Der Stoff, aus dem sich das sozusagen formieren kann. Aber ich würde immer den Kurzschluss zurückweisen, das sei bereits eine Lösung, zu sagen: "Wir haben hier eine Vielfalt und ist das nicht toll!" Das ist, glaub ich, der falsche Gedanke.
Ich hab aber andererseits noch nie jemanden getroffen, der/die das so behauptet hätte. Außer die GegnerInnen dessen, die das immer den anderen unterstellen. Ich hab noch nie jemanden getroffen, der/die sozusagen gemeint hätte: "Ja, ist ja toll, die hybride Vielfalt, Bastardisierung. Klasse. Heute dies, morgen das...", wie du sagtest. Das sagen eigentlich immer nur die GegnerInnen dieses, glaub ich, durchaus auch als "postmodern" bezeichenbaren Denkens. Es wird ja auch "postmodernem Denken" abgesprochen, überhaupt politisch zu sein, geschweige denn links. Versteh ich nicht ganz. Aber ich weiß auch andererseits, wohin das teilweise geführt hat, und was es da auch für ´nen Scheiß gibt. Das ist auch klar.

F/S: Es liegt möglicherweise auch ein großer Teil der Problematik in dieser Rezeptionsgeschichte begründet. Die Bewegung, welche in die USA ging, und dann zurück nach Europa schwappte, sozusagen. Und da ist natürlich unheimlich viel verloren gegangen.

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