"Dass politische Arbeit nicht geleistet werden kann, ohne sozusagen auch "Klassenkampf" quasi immer noch mit im Bewusstsein zu führen...":
Butler, Zizek, Laclau

F/S: In diesem Zusammenhang gibt es ja jetzt eine relativ rege Debatte, die im Prinzip so ansehbar wäre, als würde sie die Schraube einfach noch mal ein Ding weiterdrehen: Ich denke da vor allem an Slavoj Zizek, der natürlich in seiner pointierten, aggressiven Art das formuliert, und davon spricht, dass "Identity-Politics" die politische Handlungsebene - Zusammenhänge wie die Herrschaft des Kapitals (Zizek kommt aus der Marxistischen Schiene) - vernachlässigt hat, was letztlich zu einer Zersplitterung geführt hat, die es nicht mehr möglich macht, zu so etwas wie einem gemeinsamen politischen Agieren zu finden.
Das ist natürlich auch eine Problematisierungsebene, der man gegenübersteht in der Frage: Reicht es aus, Diskurse zu bearbeiten und zu verschieben, oder müssen nicht eben wieder Äquivalenzketten her, auf denen basierend Politik gemacht werden kann?

M: Also, diesen Kampf führe ich - nur eben auf einer anderen Baustelle - eigentlich auch: Der geht bei mir voll gegen die Grünen. In Deutschland sehen wir das ja besonders augenfällig: Dass politische Arbeit nicht geleistet werden kann, ohne sozusagen auch "Klassenkampf" quasi immer noch mit im Bewusstsein zu führen. Das muss aber, find ich, dann eher eine Partei, die sich als "links" begreift, ständig im Programm behalten, und nicht denken, es ist alles gut, wenn wir unseren Müll trennen. Es war immer sozusagen auch ein ökonomisches Problem. Es geht auch um Kapitalismus-Kritik. Und das haben die Grünen quasi vergessen, oder auch verraten, von mir aus. Auf jeden Fall kenn ich diesen Zorn sozusagen auch, aber der wendet sich bei mir nun wirklich einfach gegen Joschka Fischer, und auf keinen Fall gegen - ich sag jetzt mal - Judith Butler. Zizek hat ja auch mit Butler da "was laufen" sozusagen. Eine Diskussion in der Hinsicht.

[Literaturtips: Vergl. v.a. Butler / Laclau / Zizek - Contingency, Hegemony, Universality. Contemporary Dialogues on the Left; Hg. v. E. Laclau u. C. Mouffe; London/New York 2000; Verso; Butler / Critchley / Laclau / Zizek u.a. - Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus; Hg. v. O. Marchart; Wien 1998; Turia&Kant;]

M: Auf jeden Fall kann ich den Einwand verstehen, und ich finde er trifft auf sehr vieles zu, was gegenwärtig an politischer Arbeit geleistet wird, oder besser nicht geleistet wird, aber ich finde, das ist das falsche Ziel, also die falsche Attacke, weil das würde ja bedeuten, auch dort zu simplifizieren, und das sozusagen auszusparen: Eine Leistung, die glaub ich einfach erbracht werden muss, am Detail. Ich weiß nicht, was an Butler da sozusagen "retro" sein könnte, oder "ablenkend".
Das ist gar kein Widerspruch für mich. Es war auch interessant: Ich hab sie neulich - wir waren sogar auf dem selben Plakat, Judith Butler und ich - beim Foucault-Kongress in Frankfurt getroffen. Da durfte ich lesen, und sie hat gesprochen. Und da hab ich mir wieder gedacht: Das ist eigentlich eine merkwürdige Front, die da auch existiert. Nämlich nicht nur zwischen Zizek und so was wie Butlerschen Positionen, sondern auch zwischen diesen und noch existierenden, alten Frankfurter-Schule-Leuten, die auch die Einladung zu diesem Kongress ausgegeben und auch das Programm aufgestellt hatten. Und da war Butler flankiert von zwei "Co-ReferentInnen": Das eine war einer - ich komm jetzt grad nicht auf den Namen, deshalb stocke ich - alte Frankfurter Schule, nicht sehr berühmt, aber hatte in den 70ern so eine Art "Queerness"-Buch geschrieben über "den Mann" quasi...
[Ergebnisloses Rätselraten...](6)
Aber egal. Der hat zum Beispiel jedenfalls auch Butler angegriffen.
Die andere war Claudia Honegger, die eigentlich ja auch gute Sachen geschrieben hat, aber da auch wirklich wie ´ne Rakete losging, im Sinne von: "Endlich sitz ich mal neben Judith Butler, und kann mal sagen, was ich immer schon sagen wollte." Und hat sie beschimpft.
Und aber dieser Typ, dieser Frankfurter, hat ihr eben sozusagen auch die Vorwürfe gemacht: "Hey, ich komm hier aus dem realen Häuserkampf sozusagen, dem inneren, und du leistest dir hier den Luxus zu diversifizieren, und dich zu verzetteln, in Nebenschauplätzen."
Und Judith Butler musste dann wirklich so ungefähr sagen: "Momentmal, ich bin auch in dieser und jener politischen Organisation, ich habe an diesen und jenen Aktionen teilgenommen und ich war da und da dabei. Aber jetzt können wir mal bitte wieder über das weiter reden, worüber ich hier sozusagen reden möchte."
Also, ich sehe das nicht als so eine Alternative an. Und dann frag ich mich: "Ja, was ist überhaupt das Interesse jener, die sagen, dass der Diskurs nicht geführt werden sollte?" Das find ich jedenfalls sehr problematisch.

F/S: Ich weiß nicht, in wie fern du die Arbeit Ernesto Laclaus verfolgst, der ja Versöhnung herstellt, zwischen der Ebene, die Zizek bemüht, und Judith Butlers.

M: Kenn ich leider gar nicht. Nur den Namen kenn ich...

F/S: Und in dieser Hinsicht natürlich die "Anti-Globalisierungs-Bewegung" so analysiert, dass es unheimlich viele Positionen gibt, die in ihren Diskursen arbeiten, und für die Ausweitung ihrer Diskurse agieren. Die sich aber in der Bildung von Äquivalenzketten gegen ein sogenanntes "Außen", gegen ein "Gegenüber" - das, was für Laclau so etwas wie ein "Leerer Signifikant" ist: die "Globalisierung" - positionieren, und so politisch auch agieren. Das hat mich jetzt irgendwie sehr stark auch daran erinnert, was du vorhin gesagt hast.

M: Ja, das wäre wahrscheinlich eine Position, mit der ich mich anfreunden könnte.

[Literaturtip: Laclau / Mouffe - Hegemonie und radikale Demokratie; Wien 1991; Passagen;]

[Ein ungenannt bleiben wollender KUUGEL-Aktivist versucht sich an einem wenig überzeugenden Verteidigungsplädoyer für die sog. "postmodernen (?) Identitätspolitiken" gegenüber den anklagenden Instanzen ("alt-linke Ökonomistensäcke" und "universalistische Hauptwiderspruchs-Apologeten");]

[(Schrei, aus der Kulisse hinten rechts ertönend:) "Es ist die politische Ökonomie, Dummkopf!"]

(6) Es war im übrigen Reimut Reiche; Zum Kongress vergleiche: http://www.ifs.uni-frankfurt.de/veranstaltungen/2001/foucault_presse.htm
back

drucken print
part #6 « | part #8 »