"Ohne, dass ich es deswegen irgendjemanden ausreden wollen würde, irgendwie, keine Ahnung, den Chef aufzuhängen": "Die Dekonstruktion des autonomen Subjekts", oder einfach: "Verschiedene Baustellen desselben Projekts..."

F/G: Die nächste Frage fokussiert auf meine Leseerfahrung deinen Roman "Tomboy" betreffend, bei der ich den Eindruck hatte, dass die Personen - die vormals "autonomen Subjekte" - in den Diskursen verschwinden. In deinen Texten scheint es so zu sein, dass "die Personen die Diskurse sind, die sie sprechen", während in im weitesten Sinne "traditioneller Literatur" die Charaktere, wie sie sind, den Handlungsverlauf bestimmen.
Ist es dieses Moment, welches man als "die Dekonstruktion des autonomen Subjekts" in deiner Literatur bestimmen könnte?

M: Du meinst, die AutorInnen haben sich Charaktere ausgedacht, die dann von daher ausgehend, logischerweise dieses oder jenes Buch lesen und hier - bei mir - ist es eher umgekehrt?

F/G: Ja, genau.

M: Würde ich schon sagen, also es hat etwas Experimentelles sozusagen, mein Schreiben. Von daher, dass ich mir quasi vorher auch keine Pläne gemacht hab: Was sind das für Figuren? Sondern ich lass sie sozusagen zu ihrer "Autonomie" gelangen, über das, was sie reflektieren. also: Das Autonome ist quasi die Möglichkeit zur Reflexion, und nicht mehr, oder besser nicht die des klassischen Handelns, schon gar nicht die des im klassisch literarischen Sinne "Handelns". Ich halte ja auch Rezipieren für ´ne Tätigkeit - für ´ne aktive Tätigkeit: Hören, Lesen, Nachdenken. Von daher ist die Autonomie dieser Figuren eben wirklich eine quasi passive. Vielleicht ist das aber nur ein gewisses Stadium, über das ich mal anders denken werde. Wo man da mal wieder sagen wird: Ja, und jetzt bitte wieder Molotowcoctails ansetzen, oder so. Das weiß ich selber nicht. Aber im Moment scheint mir das schon irgendwie aufzugehen. Von daher war das für mich schon auch prägend: In diesem Fall feministische dekonstruktivistische Texte gelesen zu haben. Einfach Analyse, Analyse und noch mal Analyse quasi zu betreiben.
Wobei ja dann schon auch immer wieder in so Zusammenhänge gerate, also auch so speziell, wenn ich wo gelesen hab aus "Tomboy", zum Beispiel vor "feministischen Kreisen" sozusagen, wo ich eingeladen worden war, dass die sich auch untereinander nicht darüber einig waren, ob das überhaupt noch politisch ist. Es gibt immer wieder welche, die sagen: "Judith Butler hat mit der Realität der Supermarktverkäuferin - einer an der Kassa ausgebeuteten Frau - nichts zu tun." Ich bin aber der Meinung das hat was damit zu tun. Aber da gehen halt Meinungen auseinander.
Also, das war auch die Kritik, die ich von feministischer Seite bei meinem letzten Buch bekommen habe. Praktisch also die selben Vorbehalte, die diese Frauen gegenüber Butler haben. Also, und da bin ich jetzt schon eher der Meinung... Also, wie gesagt, ich finde das inkorporiert das andere auch: Ich würde auch niemanden sagen, dass jemand, der/die an der Kassa von einem Supermarkt sitzt, nicht mehr Gehalt fordern sollte, nur weil es erst mal andere Sachen auch zu untersuchen gibt. Aber ich halte das schon irgendwie... Speziell vielleicht ist das typisch für jemanden, der/die schreibt: Dass in der Sprache quasi das zu finden ist - sehr, sehr viel zu finden ist. Und das kann man sozusagen, über viele, viele Bücher, glaub ich, rauspfriemeln. Und da gibt`s noch viel zu erledigen, was quasi auf dieser reflexiven Ebene liegt. Lukács-mässig sozusagen. Warum denn nicht? Kann man noch lange machen. Ohne, dass ich es deswegen irgendjemanden ausreden wollen würde, irgendwie, keine Ahnung, den Chef aufzuhängen.
Also, das hat damit zu tun - nur eben verschiedene Stadien, verschiedene Baustellen des gleichen Projekts, vielleicht.

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