"Das ist ja Theorie-Kitsch!", oder:
"Wieder zum Subjekt findet, aber eben eine Schraubendrehung weiter"

F/M: Bei der Lektüre deiner Texte macht es immer wieder den Anschein, dass es da bestimmte Parallelen zwischen den verhandelten Themen und der Art und Weise des Verhandelns gibt. Betrachtet man beispielsweise die Infragestellung der modernen, abendländischen Narration vom "autonomen Subjekt", wie du sie spätestens seit "The Church of John F. Kennedy" in deinen Büchern thematisierst und in die verschiedensten Diskursfelder hinein verfolgst, drängt sich zumindest mir häufig der Eindruck auf, dass sich für dich in diesem Thema auch eine Art "(ästhetischer) Handlungsansatz" andeutet, welchen du umzusetzen und zu praktizieren versuchst.
In diesem Zusammenhang finden sich in "Hellblau" dann auch immer wieder Zitate, welche als eine Art Hinweis auf deine Praxis der Textarbeit gelesen werden könnten. Ich denke da beispielsweise an Georg Lukács` "Selbstständigmachen der Einzelheiten als wesentliche Form der Beschreibung"(3) , an den Verweis auf Judith Butler ("Alles, was wir tun können, sei, die diskursiven Gepflogenheiten, die uns bedingten, diskursiv durchzuarbeiten."(4) ), oder auch an Achim Szepanskis Modell der "Repolitisierung durch Mikroprozesse"(5) .
Gibt es eine solche "Parallelität", oder ist der Eindruck, dass wir es hier auch mit "Handlungsansätzen" zu tun haben, völlig aus der Luft gegriffen?

M: Na, ich streb das schon an, also - es ist nur gar nicht so einfach, das so herzustellen, im Sinne eines "Die Erkenntnis haben und diese dann umwandeln".
Es ist witzig, weil es gab in "Tomboy" schon ein Lukács-Zitat, wo Lukács das "Reflektieren-Müssen" als den Grundmotor des Romaneschreibens bestimmt. Also, so ein zwanghaftes Reflektieren-Müssen.
Lustigerweise hat ich übrigens, bevor ich mich so affirmativ, "anti-links" gebärdete, eine super-gute, sehr linke Deutschlehrerin, die uns Literaturwissenschaft per Georg Lukács beibrachte.
Aber das war ja jetzt gar nicht die Frage. Insofern kann ich schon sagen: Ja, klar. Das fasziniert mich sehr, ich hab aber auch nicht wirkliche Antworten. Ich denk selbst jemand wie Achim Szepanski forscht da so rum, und sucht noch so, und das find ich sehr faszinierend. Ich begreif ihn dann eher so als "verwandten Geist", der auch so rum überlegt, und teilweise auch zu so Slapstick-haften Momenten gelangt, wie zum Beispiel am Ende meines Buchs, wo er in einem De.Bug-Artikel sein neues Sub-Label "Force Tracks" beschreibt, wo er dann so im Zusammenhang mit einer Entfernung von den alten, autonomen Subjektpositionen sagt: "Ja, jetzt neuerdings sind wir sogar schon so weit, das wir nicht mal mehr Samples für Gesänge brauchen, sondern wir lassen die von den Leuten selbst einsingen." So, wo man eigentlich auch sagen könnte: "Jetzt ist Retro angesagt, zurück zum Authentischen, zur Stimme, zum Körper." Und er meint das aber mehr so wie: "Jetzt drehen wir an der Schraube noch mal mehr, und haben jetzt sozusagen das Sample hinter uns gelassen und singen selbst. Und dieses Singen ist noch vermittelter, als das Sample gewesen war, oder davor das Zitat und so weiter." Und das find ich super-interessant.

Die Stelle hab ich dann zum Beispiel mal vorgelesen, als ich in Köln an der Uni bei den LiteraturwissenschaftlerInnen eingeladen war. Zusammen mit Diedrich Diederichsen saß ich da auf dem Podium, und wir sollten über das Zitat reden. Und ich hab dann irgendwie diese Stelle aus diesem De.Bug-Text von Szepanski angeführt, um die Frage anzuschneiden, was man sozusagen als Zitat erkennen kann oder als Authentisches oder so. Und ich hab das dann angeführt als eine Art von "State of the Art", aus Szepanskis Sicht zu dem Thema.
Da gab es dann so richtige Tumulte in dem Raum und der Professor, der eigentlich sogar eingeladen hatte, erhob sich, machte einen Zwischenruf und sagte: "Das ist ja Theorie-Kitsch!". Was ich super-interessant fand, wo ich auch gedacht hab, alles geht dann wohl doch nicht. Ich war dann fast mal kurz im Namen Szepanskis beleidigt, weil ich dachte, dass das schon genau das Reizvolle ist. So mal alles durchzudenken und zu überlegen, wo kommt man hin. Und dann sagen aber bestimmte Leute - und auch Diedrich (Diederichsen) hat damals gesagt, ja das sei dann schon irgendwie religiös - das wäre immer die Gefahr der Musik, dass Religion ins Haus kommt. Weil ich eben so Sachen gesagt hab, wie "Musik forscht ja auch, Musik will ja auch irgendwas, dem man irgendwie hinterher schreibt."
Das war dann ganz gefährlich, ja: "Theorie-Kitsch" wurde praktisch plötzlich vorgeworfen, speziell jetzt diesem Szepanski-Zitat. Und der Witz ist dann natürlich der, dass gerade jemand wie Diedrich Diederichsen seine gesamte musikalische Sozialisation über super-religiöse Musiker wie Albert Ayler erfahren hat, und dass Musik dann quasi immer auch an so Grenzen stößt, wo die Sprache echt mal irgendwie nicht mit kann oder erst später nachziehen kann. Das find ich eben sehr faszinierend, und dem versuch ich irgendwie auch so hinterher zu schreiben.
Und von daher, ja: Szepanski ist da auf ´ne bestimmte Weise, glaub ich, auch noch viel tiefer als ich drin, an wirklich so Theorielektüre. Aber er ist eben auch praktizierend in seiner Labelpolitik. Jetzt gibt es ja eine schöne neue Ausgabe von diesem Labelsampler auf Mille Plateaux, "Electric Ladyland". Das war eigentlich immer so eine Art Werkschau der neuesten Acts auf den Labels, aber jetzt heißt das plötzlich "Click Hop Version 01". Und dort wird praktisch eine schon vorgedachte und, wie ich glaube, auch nicht von allen musikalischen Beispielen so wissentlich eingelöste Musik zelebriert, die - sozusagen nachdem schon super abstrahiert worden war - quasi wieder zum Subjekt findet, aber eben eine Schraubendrehung weiter. Also durch R`n`B und so was, und Clicks`n`Cuts wird da was zusammengeführt, jedenfalls in Achim Szepanskis Kopf und auch auf seinem Label.
Was ich auch sehr interessant finde, und was ich auch im Grunde genommen als Fragestellung sehe: Wie kann das neu gemischt werden, was gibt es denn da vielleicht doch auch nicht gleich völlig über Bord zu werfen, ohne politisch reaktionär zu werden.
Andererseits finde ich so einen bestimmten Diskurs ganz problematisch, der vor allem in Deutschland und speziell in Berlin wiederum als der "neuen Hauptstadt" geführt wird, wo dann doch alle wieder ins Theater gehen, und große Schauspielersubjekte bewundern, und sozusagen "rückfällig" werden. Aus meiner Sicht jedenfalls rückfällig werden, im Sinne einer Sehnsucht nach "großen autonomen Subjekten", die was erzählen.
Ich hab da auch noch keine richtigen Antworten. Das gute am sogenannten literarischen Schreiben ist ja auch, dass man sie nicht geben muss, dass man einfach so ´ne Technik des Fragestellens perfektionieren kann.
(3) Hellblau; S. 270 back
(4) Hellblau; S. 324 back
(5) Hellblau; S. 114 Achim Szepanski ist der "Kopf" des Frankfurter "Label-Konglomerats", welches so verschiedene, für die Veröffentlichung von Musiken aus den unterschiedlichen Subgenres elektronischer Soundproduktion verantwortliche Labels umfasst, wie Force Inc, Position Chrome, Force Tracks oder Mille Plateaux, das wiederum nicht zufällig den selben Namen, wie der zweite Band von "Kapitalismus und Schizophrenie" der französischen Theoretiker Deleuze und Guattari trägt. Daneben publizierte Szepanski auch immer wieder Artikel, aber auch theoretische Texte in verschiedensten Zeitschriften und Buchveröffentlichungen. Einige dieser Arbeiten können auf der Labelhomepage von Mille Plateaux nachgelesen werden, die unter folgender URL zu finden ist: www.mille-plateaux.com bzw. www.mille-plateaux.net/theory/index.html
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