"Sonst kommen wir ja nur in die totale Mobilmachung...": Diaspora & Ironie

F/S: Das heißt das Stilmittel der Ironie hast du jetzt praktisch verworfen, sowohl als literarisches Stilmittel, als auch als politische Figur, wie sie jetzt zum Beispiel (Richard) Rorty andenkt?

M: Das ist schwierig mit Rorty, weil ich Rorty nie gelesen habe. Aber ich hab mal einen kennengelernt, der musste seine Magisterprüfung über meinen Ironie-Begriff machen - der arme Kerl -, und der hatte dafür Rorty gelesen. Ich hab mit dem Ironie-Begriff meine Schwierigkeiten, weil irgendwie will ich schon auch noch an ihm festhalten: Ich glaube doch, dass es eine bestimmte Art von Ironie gibt, die sozusagen auch die Position dessen, der dort schreibt mit beinhaltet. Ironie als Effekt meiner Texte, fällt sozusagen an, so wie ´ne Scheibe beschlägt. Es gibt praktisch den Effekt der Ironie. Einfach, weil mich auch so stark interessiert, dass das Sprechen oder Schreiben gar nicht aus einer Mitte heraus passiert: Darum interessieren mich ja auch diese ganzen "marginalen Positionen" so. In dem neuen Buch speziell so was Diasporisches, sowohl bei Afro-AmerikanerInnen als auch bei jüdischen Menschen. Wo ich auch mal gehört hab - auf einem Kongress von Jewish-Studies-Leuten -, wo einer meinte: "Irony comes in, where the diaspora is". Also, wenn du nicht da bist, wo du herkommst, hast du sozusagen "Ironie im Haus", weil deine Sprache dann nicht aus ihrer Mitte kommt. Und das find ich eine unglaubliche Chance: Insofern würd ich den Begriff dann auch positiv weiter im Spiel behalten.

[Literaturtip: Vergl. u.a. Rorty, Richard - Kontingenz, Ironie und Solidarität; Frankfurt a.M. 1992; Suhrkamp]

F/S: Das spielt ja auch meiner Meinung nach an auf Steward Halls "Diaspora-Identitäten", die so eine vermittelnde Position einnehmen. Wär das so eine Position, aus der heraus sich solche "Diaspora-Identitäten" eines bestimmten Stilmittels in der Gesellschaft, in welcher sie sich aufhalten, sozusagen bedienen?

M: Würd ich bejahen, ohne mal wieder - wie bei mir ja immer in solchen Fällen - den betreffenden Steward Hall-Text zu kennen: Ich kenn immer nur so bestimmte Sachen, und nie den ganzen Diskurs. Das ist so "mein Schicksal", dass ich ja auch schon längst raus bin, aus so wissenschaftlichen Zusammenhängen. Universität - das ist bei mir ja über 20 Jahre her. Das heißt, ich les mal hier was, mal da was, und dann geistern sozusagen in Zitatform bestimmte Theorien dann hier und dort durch, und überzeugen mich, oder auch nicht. Aber ich würde mal sagen - ohne den Hall-Text zu kennen: Ja.
Das find ich jedenfalls die Chance, und da bleibt dann schon was Ironisches mit an Bord, da das sozusagen denjenigen mit involviert, der da schreibt. Ja, also quasi: Ich bin ja vor dem Hintergrund dessen, was ich da beschreibe. Und da kann ich mich ja nicht ausnehmen, aus der beschriebenen Problematik. Da bin ich ja sozusagen auch selbst sofort lächerlich. Speziell auch bei "Tomboy": Ein als Mann sozialisierter Mensch, der mittels der Kenntnisse, die er dort beschreibt, versucht, die Verhältnisse sozusagen auseinanderzunehmen... Das muss ja komisch sein.
Nur, ich hab teilweise noch ein bisschen "auf die Tube gedrückt", auf ´ne bestimmte Art und Weise, wie ich einfach gelernt hatte zu schreiben - diese ersten Texte sind ja alle sehr "witzig" quasi -, das war einfach irgendwie noch da. Und das ist sicherlich ein längerer Prozess, das abzubauen.
Aber wenn jetzt so immer gesagt wird "Irony is over" - das seh ich auch nicht ein. Speziell jetzt nach diesen sogenannten "Anschlägen" in New York: Da wird ja immer mit fliegenden Fahnen im Feuilleton gefordert beziehungsweise konstatiert, die Ironie sei vorbei. Also, ich meine: "Bitte nicht!", sozusagen. New York steht auch für Ironie, und was da jetzt angegriffen wurde, gibt mir eher das Gefühl, Ironie sollte man jetzt vielleicht sogar retten: Sonst kommen wir ja nur in die totale Mobilmachung.
Von daher sind da immer so verschiedene Interessen im Spiel, wenn das Wort "Ironie" fällt, und ich bin eben auch gar nicht richtig firm, also ich hab so ein diffuses Bild von so ´ner "romantischen Ironie", die auf jeden Fall nicht das ist, was die meinen, die jetzt sagen: "Schluss mit Ironie!".

[Literaturtip: Vergl. v.a. den 2. Band von: Hall, Stuart - Ausgewählte Schriften. 3 Bde.; Hg. v. U. Mehlem; Hamburg 1989 / 1994 / 1999; Argument-Verlag ]

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