"Die Sprache musste ständig nachkorrigiert werden.": Vom "Kulturkampf gegen die Hippies" zu einem Punkt, an dem man diesen "Faktor des Witzigen noch mal eins runterfährt..."

F/M: Ich eröffne mit einem Zitat, auf welches ich im Rahmen der Vorbereitung auf dieses Interview in deiner ersten Kurzgeschichtensammlung, nämlich in "Mit der Kirche ums Dorf" gestoßen bin:
"Fünfmal werden wir noch wach, summt Rudolf Rüttger am 19. Dezember, wobei er aus Dritte-Welt-Bienenwachs sorgfältig eine Kerze rollt, fünfmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag."
Gewählt habe ich das Zitat zum einen, weil heute ja auch der 19.12. ist - "fünf Tage noch heißa..." - und zum zweiten aufgrund meiner Vermutung, dass diese Zeilen als "symptomatisch" für deine frühe literarische bzw. journalistisch-schriftstellerische Tätigkeit betrachtet werden können. Ich meine damit in etwa das, was Thomas Mießgang einmal als "etwas krachlederne Anti-Hippie-Rhetorik" bezeichnet hat.
Meine Frage zielt nun auf den Bruch ab, welcher sich zwischen diesen frühen Arbeiten(1) und deinen bis dato drei Romanen, die seit 1996 erschienen sind(2) , vollzogen zu haben scheint. Sowohl auf der stilistischen Ebene, als auch auf jener der Thematik und des Inhalts ist hier nämlich meines Erachtens ein doch sehr fundamentaler "Richtungswechsel" zu beobachten, wobei mich vor allem die Motivation interessieren würde, die dich dazu veranlasst hat, deinen früheren Weg aufzugeben, und eine doch recht stark von diesem abweichende Route einzuschlagen.
Hat diese Entscheidung auch etwas damit zu tun, dass besagte "Anti-Hippie-Rhetorik" - also eine Kritik an ´68, an der Kultur, Politik, Sprache von ´68 - im Prinzip von links so heute nicht mehr gepflogen werden kann, weil dieses "Terrain" zwischenzeitlich weitestgehend von rechts vereinnahmt worden ist und diese ganze "Anti-PC-Dresche" auf "Gutmenschen" und "Emanzen" für eine linke Jargonkritik, wie sie Anfang/Mitte der 80er noch möglich, vielleicht sogar notwendig erschien, heute kaum mehr Platz lässt? Hängt das damit zusammen?

M: Ja, das hängt schon auch damit zusammen, wobei: Das ist halt ein ganz großer Zeitrahmen, von dem wir jetzt hier reden. Also, es sind ja wirklich Texte in diesem ersten Buch versammelt, die bis ´77, ´78 zurückgehen: Super-frühe Texte von mir zum Teil und - ganz klar - die Sprache gefunden habe ich schon in so einer Art "Kulturkampf gegen die Hippies". Das war gleichzeitig mit Punk und New Wave und da war es plötzlich notwendig, Strategien der Affirmation ins Feld zu führen, um überhaupt irgendetwas bewegen zu können, weil Negation sozusagen per se nicht in irgendwelche Handlungsmöglichkeiten mündete, sondern in die "Innerlichkeit", in schon damals "weichgekochte Grüne" und so weiter. Es hatte einfach keinen Appeal irgendwie, und zusammen mit subkulturellen Entwicklungen in der Musik, die immer für uns - die wir damals diese Zeitschrift "Mode & Verzweiflung" machten - total wichtig waren: Was auch an ästhetischen Prämissen sozusagen aus der Musik kam. Und da war einfach das Prinzip der Affirmation, des Anti-Hippie-Seins ganz wichtig, um überhaupt wieder Platz zu schaffen. Auch um das eigentlich ja immer angestrebte Wieder-Einnehmen-Können von linken Positionen bewerkstelligen zu können: Das war eigentlich zu jedem Moment klar. Selbst dann, wenn man noch ein Motto von Ernst Jünger über seine Texte drüber stellte.

Das war eigentlich eine ganz interessante, sehr gebrochene, komplizierte Haltung, die es aber einfach bestimmten Leuten völlig unmöglich machte daran teilzunehmen. Das hatte was "Geheimgesellschaftliches", die Codes waren sozusagen auch ganz kompliziert. Das ist ja im Grunde bis heute noch so, wo ich es sehr problematisch finde, wie jetzt teilweise sogenannte "PopliteratInnen" mit diesem selben Affirmationsprinzipien handhaben. Rechtgeben tut ihnen im Grunde genommen immer noch die Reaktion derer, die dann auf die Barrikaden gehen: Also, bis heute begreifen irgendwelche KulturkritikerInnen - fünfzigjährige, sag ich mal - nicht, was mit diesem Prinzip eigentlich gemeint ist. Es verunsichert sogar jetzt, wo ich finde, dass es politisch keinen Sinn mehr macht, weil eben die Rechte bereits diese Positionen besetzt hat - oder nennen wir`s auch die "Neue Mitte", ist gleich die Rechte, quasi - selbst da bringt es immer noch "Altlinke" auf die Barrikaden, so dass das immer noch einen bestimmten Glam hat, für die Leute, die das betreiben. Ohne dass es, wie ich finde, politisch Sinn macht. Aber das war einfach damals ein irrer Affront, und schien uns teilweise die einzige Möglichkeit zur Negation sozusagen zu sein.

Dann kam aber schon Mitte der 80er - in Deutschland jedenfalls - so was auf wie "Der Wiener". Das ist natürlich witzig jetzt das zu sagen, weil der selbstverständlich aus Wien kam, in Wien selbst aber eine ganz andere Erscheinung gewesen war: Also, ich hatte in den frühen 80ern auch in Wien Zeitschriften des "Wieners" gelesen, und der war glaub ich schon mal irgendwie ok, während in Deutschland war er von Anfang an entsetzlich. Und dann gab es eben die Abspaltung, und das waren auch wiederum Wiener Leute, die "Tempo" in Deutschland machten: Auch eine entsetzliche Zeitschrift, und das war alles so ´86. Da ging das los, dass diese Zeitschriften - Lifestyle-Magazine - in Deutschland, witzigerweise aus Österreich importiert, hochgezogen wurden. Und ich war dann sogar beim "Wiener" als sogenannter "Konsulent" ein viertel Jahr mit dabei. Ich wurde damals angeworben, um mit zu überlegen, was man denn machen könnte. Und da ich eben den Wiener "Wiener" gar nicht so schlecht gefunden hatte, dacht ich eben: OK, vielleicht kann man ja tatsächlich irgendwas Intelligentes - im Scritti Politti`schen Sinne sozusagen "Hedonismus-und-Linke-Vermählendes" - machen. War nur irgendwie im ersten Heft schon klar, dass das nicht gehen würde, und dann war ich sehr schnell wieder weg da. Aber das war irgendwie auch so was von traumatisch eigentlich - zu erleben, wie praktisch so ein "hedonistisches Links-Sein" mit sehr differenzierten, hakenschlagenden, partisanischen Verhaltensweisen der Früh-80er und so, plötzlich dermaßen geradlinig, stromlinienförmig - sozusagen zu so einem "Sound of Lifestyle", der auch noch so tat als sei er dissident, als sei das irgendwie frech - verkam. Das hat uns alle sofort in die Flucht geschlagen, und eigentlich auch ´ne Art Sprachlosigkeit hervorgerufen: Wir haben dann wirklich auch "Mode & Verzweiflung" aufgelöst - daraufhin, dass plötzlich so etwas existierte.

Und das war noch drei, vier Jahre vor dem, was es dann restlos, find ich, unmöglich machte - jedenfalls in Deutschland - noch solche Positionen zu beziehen: Nämlich die sogenannte "Wiedervereinigung" der beiden Deutschlands, wo plötzlich ein bis heute nach wie vor wahnsinnig galoppierender "Neuer Nationalismus" seinen Anfang fand, und wo dann auch so bestimmte Gesten des "Anti-Linken-Snobismus" sozusagen komplett hinfällig wurden: Also, spätestens dann war alles aus, mit dem was man irgendwie auch an Sarkasmus sich zuvor vielleicht leisten konnte - fand ich, war einfach nicht mehr drin.

Von daher wurde da dann ständig nachkorrigiert: Die Sprache musste ständig nachkorrigiert werden. Und das hat auch noch keinen Abschluss für mich persönlich gefunden.

Also, ich finde zum Beispiel mein letztes Buch "Tomboy" aus heutiger Sicht zu witzig: Da gab`s irgendwie viele falsche Lacher. Gut, also vielleicht nicht so viele im Vergleich zu denjenigen, die es richtig verstanden haben - nicht die Mehrzahl, oder so - aber für mich zu viele falsch Applaudierende, die qua Humor - und es ist nämlich genau dieser 80iger-Jahre-Humor, der so ironisch, eigentlich oft auch zynisch war - dachten, ich würde hier irgendetwas lächerlich machen wollen. Zum Beispiel den feministischen Diskurs. Das war aber überhaupt nicht mein Interesse: Das heißt also, bei meinem neuen Buch ist es immer so ´ne Abwehrbewegung und das war`s eben damals (in den frühen 80ern) auch gewesen - möglichst noch die letzten alten Säcke, die denken, hier wird was ridikülisiert, der akademische Diskurs oder so, ausschließen, indem man diesen Faktor des Witzigen noch mal runterfährt. Was ich für "Hellblau" sozusagen ganz bewusst versucht hab.

Was mir im Grunde genommen dann auch die Reaktion von Leuten einbringt, die sagen:
"Ja was soll das denn jetzt? - Tomboy war ja noch ganz witzig, aber was will er denn überhaupt, der erzählt uns jetzt ja gar nichts mehr, kann ich überhaupt nichts ´mit anfangen...". Und das beruhigt mich. Da bleiben jetzt die noch außen, die sozusagen mit dem letzten Buch schon nicht gemeint gewesen waren.
(1)Hauptsächlich sind damit eben die erstmals 1986 erschienene Kurzgeschichtensammlung "Mit der Kirche ums Dorf" und Meineckes Texte für die von ihm 1978 mitbegründete, kurzlebige Zeitschrift "Mode & Verzweiflung" gemeint, welche zum Teil zwischenzeitlich wieder in Buchformat erhältlich sind, und zwar in einem ebenfalls unter dem Titel "Mode & Verzweiflung" erschienenen Band bei Suhrkamp. 1988 wurde im übrigen auch noch die Erzählung "Holz" publiziert, welche seit 1999 ebenfalls bei Suhrkamp wiedererhältlich ist. back
(2) 1996 erschien "The Church of John F. Kennedy", in dessen Rahmen es - verkürzt ausgedrückt - um die "Konstruktion und Dekonstruktion" von nationalen Identitäten geht, 1998 folgte mit "Tomboy" ein Roman, welcher zentral die "Konstruktion und Dekonstruktion" von auf Geschlecht/gender beziehungsweise Sexualität basierenden Identitäten in den Mittelpunkt rückte, und 2001 schließlich verschob sich der Fokus im bis dato letzten Roman Thomas Meineckes, nämlich in "Hellblau" tendenziell auf "Konstruktions- und Dekonstruktionsprozesse" im Zusammenhang mit "ethnisch definierten" Identitäten. back

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